Wie die Mutter fühlte, daß ihr Ende herannahe, da sprach sie zum Förster Justus, der mit den Seinen neben ihrem Bette stand: »Förster, ihr habt Großes an mir gethan, mehr als ein Bruder an der Schwester thun kann, und habt's gethan mit stillem, gutem Sinn. Der Herr vergelt's euch und eurem lieben Eheweib. Wenn ich zu Gott komme, will ich für euch beten, daß euer Leben leicht, und euer Ende selig werden möge. Es wird mir das Sterben schwer, weil ich mein Kind unversorgt muß hinter mir lassen. Nehmt euch seiner an, und macht ihm eine gute Herrschaft aus, daß es sein Brod ehrlich verdienen kann. Wacht über dem Mädchen, soweit ihr könnt. Vor Allem aber, Förster, gebt mir eure Hand darauf, und auch ihr, gute Frau, bewahrt es vor dem Gerst. Mein Geld hat er gestohlen, meines Kindes Herz soll er nicht rauben dürfen; das soll dem Herrn bleiben.« — »Und du, Dorothe, habe du dein Leben lang Gott vor Augen und im Herzen, und hüte dich, daß du in keine Sünde willigest, noch thust wider Gottes Gebot. Sündigest du aber, so wisse, daß du einen Fürsprecher hast beim Vater; an den halt' dich fest, auf den bau' und

trau', daß er dein bleibe und du sein für Leben und Sterben. Das ist mein Erbe, das du von mir empfängst, sonst habe ich nichts zurückzulassen. Wohl hab' ich noch einen Bruder, aber der ist weit, weit in Holland, und wird schwerlich sich deiner annehmen wollen, denn er hat nie nach mir gefragt, und lebt dort als reicher Mann unter fremdem Namen. Verlaß' du dich nicht auf Menschen, verlaß' dich auf den Herrn; Vater und Mutter haben dich verlassen, aber der Herr wird dich aufnehmen. Amen, sein Wille geschehe mit dir und mit mir!«

Wie dann die Kranke erschöpft zurücksank, und Dorothe mit lautem Weinen ihre Hand küßte, da trat Konrad weinend vor seine Aeltern hin, und sprach also: »Vater und Mutter, ich muß mir ein Herz fassen, mit euch zu reden. Ich hab' Dorothe von Herzen lieb, gebt mir das Mägdlein; sie ist fromm und gut, und steht jetzt so einsam in der Welt. Sagt ja, daß ihre Mutter uns noch segnet, ehe sie stirbt, und den Trost mit hinübernimmt, daß sie Vater und Mutter und den Schützer gefunden hat.«

»Konrad«, sprach da der Förster, »kommt's vom Herrn, was du beginnst, so sag' ich ja, und gebe dir meinen Segen.« »Dorothe, willst du mit diesem Manne ziehen?« fragte mit schwacher Stimme die Sterbende. Und Dorothe legte schweigend ihre Hand in die Rechte des Jünglings. »Amen!« lispelte die Mutter und starb. Und wie Konrad und Dorothe an dem Bette niederknieten, Hand in Hand und die Augen voll Thränen, da brach die Abendsonne roth und golden durch die Regenwolken und ihr Schein röthete das blasse Angesicht der Todten. Der Friede der Seligen ruhte drüber.

Es ist noch eine Ruh' vorhanden;
Auf, müdes Herz und werde Licht!
Du seufzest hier in deinen Banden,
Und deine Sonne scheinet nicht.
Sieh' auf das Lamm, das dort mit Freuden
Dich wird vor seinem Stuhle weiden;
Wirf hin die Last und eil' ihm zu!
Bald ist der schwere Kampf vollendet,
Bald, bald der saure Lauf geendet,
Dann gehst du ein zu deiner Ruh'! —


6. Die Wartezeit.

Tritt einmal im Geist mit mir an's Ufer des Meeres, mein lieber Leser. Von leichten Wellen gekräuselt, liegt tiefblau und prächtig das Meer; blau und wolkenlos wölbt sich der Himmel drüber hin, und unten in der Tiefe Spielen die Fische, und drüber in der Luft schweben die Vögel des Himmels, Alles voll Leben und Lebensfreude. Und am Ufer liegt ein Schifflein; bunt bemalt ist sein Rumpf, ein glänzendes Schild trägt seine Vorderseite; ein Weib ist es, das auf einen Anker sich lehnt, das ist des Schiffes Sinnbild und Name: »die Hoffnung.« Lustig spielt der Wind mit den leichten bunten Fahnen, die von den Masten herabwehen, und durch Segel und Tauwerk rauscht es in sanfter, heimlicher Weise. Auf dem Schiffe treibt sich ein lustig Völkchen umher; Auswandrer sind es, die von Osten kommen und nach Westen reisen, weil sie dort ihr Glück finden wollen. Sie haben die Heimath verlassen, den trauten Ort der Kindheit; froh und zuversichtlich sind sie vom Aelternhaus geschieden; sie haben ihm nicht viel Thränen nachgeweint. Warum auch? Fluren, auf denen ein ewiger Frühling herrscht, Bäume,

die Blüthen und Früchte zugleich tragen, Früchte der Erde, so süß und labend, Vögel unter dem Himmel, bunt von Farben, und Gottes liebe Sonne Jahr aus, Jahr ein, und immer glänzend und immer warm. Und dabei das Herz so frisch und froh, der Wille so fest, die Hoffnung so stark. Fahr' hin, Schifflein, fahr' hin! Wind und Wellen werden dich schonen, aber du trägst das Verderben in dir selbst. Unten am Bild der Hoffnung, das du trägst, ist eine kleine Oeffnung geblieben. In die ist ein Wurm gedrungen, und ist gewachsen, und hat sich vermehrt, und der Wurm hat das Schifflein angefressen, und es ist mürbe geworden und drohet zu versinken. Verstummt ist die Lust seiner Bewohner; ihr Reigen ist verwandelt in eine Klage. Nach der Heimath blicken sie zurück, klagend und weinend.

Fragst du, mein Leser, wo das Meer ist? Es ist das menschliche Leben. Was das Schifflein ist, das bunt und geschmückt ausfährt? Es ist das Menschenherz. Wo das ferne Land liegt, nach dem des Schiffleins Lauf gerichtet ist? Es ist der Traum, den die Jugend träumt von einem Paradiese, das doch hier unten nicht mehr wohnt. Wer der Wurm ist, der sich in's Schifflein eingebohrt hat? Das ist der Feind, der da kommt, wenn die Leute schlafen und säet Unkraut unter den Waizen, und geht davon. Den Feind nehmen wir Alle mit aus der Kindheit in's Jugendalter. Bald ist's die Sünde, die sich eingebohrt hat in's Herz, dem Wurme gleich; bald ist's der Frühfrost der Sorge, der schon die junge Saat unserer Kindheit gedrückt hat; bald ist's auch die Bosheit der Menschen, die mit allen Waffen der List und des Trugs gegen ein Menschenherz kämpfet,