»Wie ich ein Kohlenbrenner ward, da wußte ich von der Sternwissenschaft nur, was ich darüber aus der heil. Schrift gelernt hatte, namentlich aus dem Buche Hiob, wo es heißt: »Er versiegelt die Sterne«, und »die Sterne sind nicht rein vor seinen Augen«, und »kannst du die Bande der sieben Sterne zusammenbinden?« Wie ich dann so manche Nacht hier saß, und die Welt um mich her schwarz und todt wie ein Grab lag, so sah ich um so lieber zum Himmel hinauf, von dem man hier oben ein ziemlich Stück übersehen kann. Anfangs trieb ich mit meinen Gedanken allerlei Fürwitz und die Sterne mußten dabei mithelfen, nachher aber sah ich mir sie an, wie sie zu einander stunden, auch wie einer den andern in der Klarheit übertraf; auch wie sie nicht stille Bünden, sondern zu bestimmten Stunden hier, zu andern wieder dort sichtbar wurden. Dann sah ich auch, wie Etliche in einer Art von Kameradschaft standen, so daß sie ihre Figur behielten und selbander ihre Reise am Himmel machten. Dann nahm ich mir ein Papier und stach mir mit einer Nadel die Sternfiguren so hinein, wie ich dachte, daß sie zusammengehören möchten; und wenn ich nach Haus kam, dann malte ich mir die

Sternlein aus und verband sie durch Striche mit einander, und gab ihnen auch Namen, denn ich dachte, ich sei der erste Sterngucker, der sich die Mühe nähme, des Herrn Werke zu bewundern. Diese Sternkärtlein zeigt ich einmal dem Nachbar Nagel, der in allerlei Künsten erfahren war, und fragte ihn unter viel Stottern, denn ich schämte mich, was er davon halte? »Martin«, sagte der, »du bringst deine Nachtwachen recht im Dienst des Herrn zu, denn wer die Werke Gottes achtet, der hat eitel Lust an ihnen, und kannst noch einmal ein Kalendermann werden.« »Das wäre!« sagt' ich, »muß denn der Kalendermann auch ein Sterngucker sein?« »Allemal«, sagt' er, »woher wüßt' er denn sonst Frühlingsanfang und die andern Zeiten, wozu den Neumond und die Finsternisse, die noch kommen sollen, voraus? Und heißt es nicht im ersten Buch Mosis, im ersten Kapitel: »Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Veste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht, und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre!« »Da du so fleißig nach den Sternen siehst, so mußt du sie besser kennen lernen, und er gab mir aus seinen Büchern, deren er viele hatte, ein Büchlein aus dem vorigen Jahrhundert, das hieß: »Der edelen Sternwissenschaft fürnehmste Stücke.« O Herr, wie ich das Buch verschlang, das kann ich euch gar nicht sagen; ich glaub' sogar, ich hab's zu Zeiten geküßt. Nach und nach lernte ich das ganze Buch verstehen, einige lateinische Brocken abgerechnet, die hin und wieder vorkamen, und die hat mir auf meine Bitte später der Herr Pfarrer verdolmetscht. Stand aber nicht sonderlich viel in dem Latein, und hätt' nach meiner Meinung auch deutsch können geschrieben werden. Aus dem Buch lernte ich auch den Kalender berechnen und Sonnen

uhren machen, wie ihr deren, wenn es jetzt Tag wäre, an vielen Bäumen rings umher sehen könntet. Seitdem hab' ich, durch guter Leute Hülfe, noch manches Buch über die edle Sternwissenschaft gelesen, und habe nie darüber mein Kohlbrennen versäumt, sondern bin immer mit um so herzlicherem Eifer an meine Tagsarbeit gegangen, weil ich dabei gute Gedanken in meinem Kopf gehabt. Habt ihr euch je mit der Sternwissenschaft und mit dem Kalender abgegeben, Herr, dann fahrt fort, also zu thun; und habt ihr's nicht gethan, so thut es auf eines alten Mannes Rath. In der Welt ist viel Traurigkeit, und wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir; da hilft die Sternwissenschaft gar sonderlich, daß unser Wandel sei im Himmel, von dannen wir auch warten des Heilands Jesu Christi. Doch jetzt laßt uns in Gottes Namen schlafen, und haltet einem alten Mann die Redsprächigkeit zu Gute. Mitternacht ist vorbei, das seh' ich an den Sternen hier über uns, sonderlich am Wagen. Also schlaft wohl und der Herr, der treue Wächter Israel's, geb' euch gute Ruh' und fromme Träume.«

»O Herr, mein Gott, hab' Dank für diese Nacht! In ihr hab' ich viel Ruhe funden und bin erwacht wie ein Kindlein, das in seiner Mutter Aug' sieht, wenn's die Aeuglein aufthut.«

»Wie ich mich erhob, so brannte schon das Wachtfeuer wieder, und der Köhler stand wieder mit der Schaufel in der Hand am Meiler, und die Vögel sangen ihr Morgenlied, und die Sonne zeigte dem Meiler gegenüber auf einer schöngemalten Uhr die fünfte Stunde des Morgens.«

»Gott zum Morgengruß, mein Schlafkamerad«, rief

fröhlich der Köhler; »beliebt's euch, so laßt uns singen mit den Vögeln um die Wett':

»Wach auf mein Herz,
Die Nacht ist hin,
Die Sonn' ist aufgegangen!«

Und wir sangen mit einander das Lied. Dann rief der Köhler mit einem Pfiff auf dem Finger seine Ziege herbei; die gab willig ihre Milch zum Morgentrank, und wir gingen selbander durch den Wald. Nach einer halben Stunde ward der Wald licht; noch einige Schritte, und man sah in ein Thal hinab, durch das ein Flüßchen ging und in dem mehrere Dörfer lagen. »Dort, Herr«, sagte der Köhler, »liegt Blankenau; geht nur immer hier dem Pfad nach auf den weißen Thurm zu. Und nun geb' der Herr euch das Geleit' heim in's Vaterhaus und auf eure ganze Lebensreise! Vor Gottes Thron sehen wir uns zunächst wohl wieder. Laßt uns halten, was wir haben, daß uns Niemand die Krone raube.« »Amen!« sagt' ich, und wir drückten uns die Hände und schieden. Und wie ich fürbaß ging, so sprach ich: »Das war ein Stiller im Land, und sein Wort hat mich stille gemacht und hat mich gelehret David's Wort verstehen: »Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.« Pf. 62, 2.