Herrn in ein sauber Zimmerlein. Dort hielten wir selbander angenehmen Rath, bis es dunkel ward und erzählten uns unser Lebensschicksal. Und des Fremden Leben war gar wunderbar. Jetzt, so sagt' er, war er auf einer langen Reise, und könnte just einen Secretär und Gesellschafter brauchen, wie ich sei; ich solle mit ihm ziehen. Der Vorschlag leuchtete mir schnell ein; aber ich bedung mir Ueberlegung aus bis zum andern Tag. Da ließ der Herr Wein kommen, denn wir hatten bisher einen Krug Bier mit einander geleert, und ward immer redsprächiger, also daß auch mir das Herz auf die Zungen kam. Da rückte der Fremde mir näher und rief: »Besinnt euch nicht lange mehr, jetzt kennt ihr mich, sagt ja und wir sind Handels einig; da nehmt zum Voraus etwas Reisegeld und schlagt ein.« Wußte nicht, wie mir geschah und hielt die Brabanter, die er in meine Hand gelegt, in den Fingern und sah ihm ihn's Auge. Indem klopft's draußen und es erschien Einer in der Thüre, der ein Diener des Herrn zu sein schien und rief ihn hinaus. Wie ich noch auf die Thaler blicke, so kommt aus einem Kämmerlein zur Seiten ein Mägdlein heraus, noch sehr jung an Jahren und sagt in leisem Tone: »Herr, ist euch euer Leben lieb, so werft das Blutgeld auf die Erde und macht euch auf und davon, sonst geht es euch wie den Rekruten drüben im Hof. Der Hauptmann ist ein Erzschelm und betrügt euch wie die Andern.« — »Wie ich das Wort gehört, da hab' ich das Fenster aufgerissen, das nach dem Garten hinsah, hab' schnell mein Bündel hinabgeworfen, und bin hinabgesprungen, wohl an 10 Fuß hoch. Und gleich als wär' der böse Feind hinter mir, bin ich dem Walde zugeeilt, den ich heute erst durchwandert hatte, und hab' nicht eher mit Laufen eingehalten, bis der Wald dichter ward.«
»So hat mich abermal mein treuer Gott wunderbarlich erhalten und hat mir seinen Engel gesandt, der den Löwen den Rachen zugehalten.« (Daniel 6, 22.) Aber der treue Gott hat noch mehr an mir gethan damals, als ich den Werbern entging, wofür ich ihm Dank sagen will all' mein Leben lang; denn er hat mich dazumalen ein Sprüchlein aus seinem heil. Wort erkennen lassen, das ich bis dahin nicht ganz verstanden, und das Sprüchlein steht Psalm 19. Vers 2. und heißt: »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.« »Wie der Wald dichter um mich ward, bin ich langsam und fürsichtig gegangen, und habe mit meinem Reisestock den Grund vor mir geprüfet; denn es war so finster, als in einem Sack um mich her, und nur manchmal schien ein Sternlein durch die Büsche, gleich als wollt' es sagen: »Geh' nur getrost, Justus; ob du schon wandelet im finsteren Thal, so fürchte doch kein Unglück, denn ich, dein Hirte, bin bei dir.« (Psalm 23, 4.)
»Wie ich wohl eine Stunde im Dickicht herumgetastet, so ist der Wald lichter geworden, und ein Pfädlein hat sich durch die Bäume geschlängelt, und dem Pfädlein bin ich nachgegangen. Da ist mir bald ein Licht in's Auge gedrungen; und wie ich dem Schein nachging, so hab' ich bald vor einem Kohlenmeiler gestanden, neben dem ein lustig Feuer brannte und ein Mann stand, der mit einer Schaufel Erde auf den Meiler warf, wo die Lohe durchbrechen wollte. Da hab' ich den Mann freundlich gegrüßt, und ihm gesagt, daß ich ein Fremdling sei, der des Weges verfehlet, und wie ich ihn bäte, mir aus christlicher Lieb' die rechte Straße zu weisen. Da hat der Köhler meinen Gruß mit einem »schönen Dank« erwiedert und gesagt: »Ihr seid nicht der Erste, der verirrt zu mir kommt, und werdet auch nicht der Letzte sein, denn der Wald ist tief
und die Wege gerade nicht leicht einzuhalten. Aber vergebt, wenn ich euch in dieser Nacht nicht geleiten kann; ihr seht wohl, mein Meiler bricht aus und ich darf ihn keine halbe Stunde allein lassen. Verdrießt's euch nicht, so bleibt bei mir bis zum Morgen; dann soll weiter Rath werden. Geht einstweilen dort in die Hütte und ruht euch aus; aber bückt den Kopf, wenn ihr hineintretet; eines Köhlers Häuslein ist eben nicht für hohe Herrn, sondern für Solche, die sich gern vor Gott und Menschen bücken.«
»Da kroch ich hinein in die Hütte und setzte mich auf das Mooslager des Köhlers, und mein Bündel legt' ich neben mich, nicht ohne daß ich für mich hin betete: »Das walt Gott der Vater, der Sohn und der heil. Geist.« »Wie ich ein Weniges geruht, so kommt der Köhler auch herein, steckt einen großen Kienspahn in eine eiserne Gabel und stößt die Gabel vor dem Eingang in die Erde. »So«, sagt' er, »nun haben wir Licht und können uns in's Angesicht sehen wie zwei Christenmenschen. In meinem seht ihr, trotz Kohlenstaub und Ruß, daß ich ein alter Mann bin, und in eurem lese ich, daß ihr jung seid und müde, und wie steht es mit dem Appetit? Ekelt euch nicht vor eines Köhlers rauher Kost, so seid mein Gast, bis euch morgen ein besserer Tisch gedeckt ist.« »Und von einem Bänklein herab holte der Köhler ein großes schwarzes Brod, schnitt zwei gewaltige Stücke ab und legte jedes auf einen hölzernen Teller, und oben drauf ein Stück gekochten Speckes. Und wie er von dem Bänklein auch zwei Messer herabgeholt, und eins mit dem andern gesäubert hatte; da nahm er die Ledermütze zwischen seine gefaltenen Hände und betete mit tiefer Stimme: »Aller Augen warten auf dich, Herr, und du giebst ihnen ihre Speise zu seiner Zeit; du thust deine Hand auf und
erfüllest Alles, was lebet, mit Wohlgefallen! Amen.« »Und wie ich auch »Amen!« gesagt, da aß der Köhler sein Abendbrod und ich mit ihm, und hat mir lange kein Abendbrod so gut geschmeckt. Wie er damit zu Ende war, griff er hinter sich, und langte einen Wasserkrug von Stein hervor, deckte ihn auf und that einen herzhaften Zug. Dann schüttete er ein Weniges ab, reichte mir den Krug und sprach: »Trinkt, guter Freund, ein Schelm gibt's besser, als er's hat; im Wald wächst kein ander Getränk; aber das Wasser aus dem Heiligenbörnlein ist dafür auch ein sonderlich und vornehm Wasser, und schmeckt frisch und süß, und hat viel Kranken schon geholfen.« Da trank ich auch nach Herzenslust; und wie ich den Krug geschlossen, da nahm der Köhler wieder die Ledermütze ab und sprach: »Nun, unser Gott, wir danken dir, und rühmen den Namen deiner Herrlichkeit!«
»Wie es mir da so wohl ward um's Herz, das kann ich gar nicht sagen; es war mir, als wenn ich den Köhler schon lange gekannt und plötzlich wiedergefunden hätte. So macht das Wort Gottes die Menschen zu Freunden, daß sie sich erkennen und lieb haben; und war doch nichts geschehen, denn daß wir mitsammen gebetet und das Brod gebrochen hatten. Da ward es mir, als müßt' ich dem Köhler sagen, was mich zu ihm geführt habe, und ich that es und sagte ihm auch Dieß und Das aus meinem Leben: was ich gelitten und worüber ich mich gefreut, und was ich von der Zukunft hoffe und fürchte. Da lächelte der Alte und sprach: »Das ist nur das alte Lied, das schon Sirach sang: Es ist ein elend jämmerlich Ding um aller Menschen Leben, von Mutterleibe an, bis sie in die Erde begraben werden, die unser aller Mutter ist. Da ist immer Sorge,
Furcht, Hoffnung und zulegt der Tod. So ist es mir ergangen, so wird es auch euch ergehen und euren Kindern und Enkeln nach euch. Man meint, eine Zeit müsse der andern ablernen, wie man's besser machen und dem Schicksal in der Welt das Feld abgewinnen, und seine Schneide stumpf machen könne. Aber es muß wohl so sein sollen, weil unser lieber Gott die Jungen immer wieder von vorne anfangen und in den Schranken laufen lässet. Was euch bis dahin betroffen hat, das vergleich' ich dem Wind, der in der Frühlingszeit, wenn die Saat schon grünt und die Lerche schon singt, mit den Bäumlein umspringet, als wollte er sie schier zerzausen. Da gilt aber auch: »Du machest deine Engel zu Winden, und deine Diener zu Feuerflammen;« denn lauter Engel und Diener Gottes sind die Schicksalsstürme in der Jugend. Die machen, daß das Bäumlein hübsch seine Wurzeln hinabtreibt und stehen lernt auf seinen eignen Füßen, wenn der Winter des Lebens kommt, und mit ihm noch mehr Tage, von denen wir sagen: »Sie gefallen uns nicht.« Auch glaubt mir das, mein junger Herr, ich sag's aus eigner Erfahrung, der Mensch macht sich darum in seiner Jugend so viel Herzeleid, weil er immer Eins ganz fest im Sinne hat, und meint, es geschähe ihm ein gewaltig Unrecht, daß der liebe Gott ein Anderes mit ihm will. So läuft denn Einer wie ein Schaf, das die Drehkrankheit hat, immer auf einem Fleck umher, oder rennt wie ein Gaul, der den Koller hat, gerade hinaus, bis er sich den Kopf zerstößt. Ihr wollt mit Gewalt ein Pfarrer werden, und ich dachte, als ich euer Alter hatte, ich müßte ein Schulmeister werden. Ja, Herr, seht mich an, wie ihr wollt, ich, der Köhler Martin Ebert von Blankenau, wollt' ein Schulmeister werden, und ging Jahre lang umher und
haderte mit Gott und mit der Welt, daß es nicht nach meinem Kopf gehen wollte. Damals sagte unser Nachbar, der alte Hufschmied Nagel, Gott hab' ihn selig! »Martin«, sagt' er zu mir, »wart' doch unsers lieben Gottes Zeit erst ab, ob er dich brauchen kann als Schulmeister und geh' erst mit deinem Vater hinaus und lerne Kohlen brennen. Wie du es jetzt treibst, so lernst du beides nicht, weder die Schulmeisterei, noch das Kohlenbrennen.« »Und ich hing damals über solche Rede das Maul und stand am Meiler meines Vaters wie ein Blödsinniger. Da nahm mich mein großer Meister im Himmel in seine Lehre hinein, und gab mir die Lection, daran ich noch lerne, und so lange lernen will, bis er mich in seine himmlische Werkstatt abholt. Mein Vater starb und meine Mutter stand als ein schwaches Weib mitten unter sieben unversorgten Kindern. Herr, damals lernt' ich Kohlenbrennen und das vierte Gebot thun: »Du sollst Vater und Mutter ehren,« lernt aber damit auch die Verheißung kennen: »Auf daß dir's wohl gehe.« Und von da an ist mir's wohl gegangen; im Schweiße meines Angesichtes hab' ich mein Brod gegessen, aber ich habe auch geschmeckt und gesehen, wie freundlich der Herr ist und wie wahr sein Wort: »Denen, die mich lieben und meine Gebote halten, thue ich wohl bis in's tausende Glied.« Geht hin in unser Ort, dort stehen sieben Häuser, alle blank von außen und rein von innen; in den sieben Häusern wohnen des seligen Haneberts sieben Kinder, und haben sich gemehrt zum Erstaunen, und ist eine schöne, feine Sippschaft. Wenn dem Vetter Martin das Essen soll hinausgetragen werden zum Meiler, dann solltet ihr hören, was ein Reißen um das Körbchen ist, und wie die Jungen mit den Alten hadern um den Liebesdienst! Und ich selber hier an meinem Meiler,
den ich nur Samstags verlasse, um zur Kirche zu gehen, hab' nichts verlernt von Allem, was ich als Junge gewußt, sondern hab' noch mehr dazu gelernt, und mein Wissen blähet mich nicht, sondern demüthigt mich nur. Hier steht meine Weisheit, hier im Bibelbuch, das ich aufschlage, wenn ich allein bin und mein Meiler Ruhe hält. Und wenn's Abend wird, dann hat der liebe Gott ein ander Buch vor mir ausgeschlagen, den Himmel mit seinen Sternen, und hat mich auch gelehrt, ein Stücklein dieser heil. Schrift zu lesen. Höret, wie das zuging!«