»Doch, daß ich von etwas Anderm rede, noch eine Neuigkeit für euch, Herr Justus, die euch gewiß erfreuen wird. Wie ich heute zum Thore am Neuenweg hinaus will, um in meinen Garten zu gehen, so wandelt just ein Soldat in der Sonne auf und ab, den ich bis dahin nicht gesehen hatte, wie denn überhaupt die Compagnie, die dort lag, eine fremde zu sein schien. Ich biete dem Soldaten die Zeit und der Soldat dankt freundlich, und fragt: »Wohin so eilfertig, Mütterchen?« »Mit der Eilfertigkeit pressirt es just nicht, sagt' ich, Unsereins lehrt das Alter gemach thun; will noch etwas in meinem Garten am Nahrungsberg holen«, sagt' ich. »Ist doch jetzt keine Zeit mehr zum Gartenbesuch«, sagt' er. »Ja wohl«, sagt ich, »sind aber noch etliche Kohlstengel draußen geblieben, die hätt' ich gerne heim. Eure Compagnie scheint noch nicht lange in der Stadt zu sein, und habt ihr etwa noch Niemand, der euch wascht und flickt, so wisset, daß ich dergleichen um ein Geringes gern thue. Ich wohne auf dem Tiefenweg neben dem Wall, fragt nur nach der Barbara
Lindin, jed' Kind kann euch zu mir weisen; und sollt' ich ja nicht zu Haus sein, so gebt nur meinem Hausmann das schwarze Zeug, der Herr Justus wird es sorgsam aufbewahren.« »Der Herr Justus«, sagt' er, »was ist's mit dem, heißt euer Miethsmann Konrad Justus, und ist er seines Berufs ein Theologe?« »Ja«, sagt' ich, »der wohnt bei mir; und woher kennt ihr ihn?« »Ich bin der Corporal Scheuermann«, sagt' er, »und habe den Herrn Justus eher gekannt, als ihr.« »Ja«, sagt' ich, »wenn ihr der seid, so kenne ich euch auch, denn der Herr Justus hat von euch auch schon erzählt, und euch ein gut Zeugniß gegeben.« »Hat er das gethan?« sagt' er, und dem Mann flossen ja, so wahr ich lebe, die Thränen über die Backen herunter. »Und was ist Herr Justus hier«, fragt er, »und geht es ihm wohl?« »Es geht ihm wohl«, gab ich zur Antwort, »könnt' ihm aber auch besser gehen;« und so redeten wir ein Langes und Breites von euch und wurden gute Freunde mit einander. Und wie ich ging, so trug mir der Corporal einen freundlichen Gruß an euch auf und er wolle euch bald besuchen.«
»Der gute Scheuermann von der Marksburg«, sprach gedankenvoll der Justus; »also denkt er mein noch. Habt Dank Frau Lindin für die Nachricht, sie hat mir wohl gethan. Man hört selten von seinen alten Freunden; hat Jeder seine Last mit sich und seine Lust für sich, das ist so der Welt Lauf.«
»Ihr könntet wohl auch eure Lust für euch haben, Herr Justus«, hub die Alte mit leisem Tone an, indem ihre scharfen Augen den Eindruck zu beobachten schienen, den ihre Rede auf den Zuhörer mache, »ihr könntet auch eure Lust für euch haben, sag' ich, wenn ihr euch nur darnach stelltet. Nehmt es nicht für ungut, wenn ich
alte Frau mir einmal ein Herz fasse und von der Leber weg zu euch rede; seit ich mit dem Corporal Scheuermann über euch gesprochen, mein' ich ordentlich mehr Muth gesammelt zu haben. Also laßt mich frisch heraus reden. Ihr seid eures Standes ein Gottesgelehrter, und das ein rechtschaffener und kapitaler, und wenn's mir nachginge, ich machte euch heute noch zum Superintendenten, oder mindestens zum Inspector. Statt dessen wohnt ihr nun schon sieben Jahre in meinem Hause, arbeitet wie Einer, der erst anfängt, helft den lockern Studenten, die ihrer Aeltern Geld und Gut verpraßt haben, durch's Examen, stutzt den Faulenzern den Doctorhut zurecht, tretet den Herrn Professoren all' ihren lateinischen Quark aus; und so lange sie euch brauchen, heißt's Herr Justus hier, Herr Justus dort; und wenn sie haben, was sie wollen, was geben sie euch? Einen Lohn, dessen sich diese sauberen Herrn schämen sollten. Heißt's doch: »Dem Ochsen, der da drischt, sollst du das Maul nicht verbinden«, »und ein Arbeiter ist seines Lohnes werth;« aber euer Lohn ist für's Sterben zu viel und für's Leben zu wenig, und Keiner ist so ehrlich, eurer zu gedenken und euch zu einem Stück Brod zu verhelfen. Sind Alle sammt und sonders wie der Mundschenk, der des Joseph vergaß. O Schande über dieß Pack!«
»Und wenn ich gar an die Rangen denke, denen ihr Tag für Tag hier am Tische das Latein einbläut, Herr, dann vergeht mir ganz mein bischen Geduld. Von eurem Latein versteh ich nichts; aber von der Unterweisung zur Seligkeit, die ihr ihnen gebt, glaub' ich ein gutes Theil wohl begreifen zu können, und doch sitzen die Rangen da, so dumpf und stumpf, so verhagelt und vernagelt, daß ich an eurer Stelle längst den Bakel gebraucht und ihnen
Moses und die Propheten durch den Rücken eingetrieben hatte. Und wenn sie dann zur Treppe herunterkommen, dann solltet ihr einmal die Gesichter und Gestus sehen, die sie machen, man sollte meinen, es hätte Jeder droben sein Prämium verdient. Einer stellt dem Andern ein Bein, schlägt ihm die Bücher unter'm Arm weg, oder klemmt ihm gar den Zopf in die Hausthüre. Aber, mein' ich dann, ich hab's ihnen vertrieben; thut euch der Herr Justus nichts in seiner Engelsgeduld, dacht' ich, so will ich euch Mores lehren. Ich nahm den Ziemer, der noch von alter Zeit her hinter dem Ofen hängt, in meine Fäuste, und sagte kein Wort, und stellte mich nur unten an der Treppe auf, und sah Einem nach dem Andern in die Augen; mein' ich dann, das Toben verging ihnen! Das ging so zwei Tage; am dritten, als sie herunterkamen, boten sie mir schon freundlich die Zeit: »Schön Dank, ihr jungen Herren«, sagt' ich, und hing meinen Ziemer wieder hinter den Ofen. Doch damit ich meine Rede nicht vergesse, das erzähl' ich Alles nur darum, damit ich euch begreiflich mache, daß Undank der Welt Lohn sei. Die Buben sind lauter Söhne von unsern schönsten Leuten hier aus der Stadt: Rathssöhne, Professorssöhne, Officierssöhne; wo fällt es nur Einem dieser vornehmen Herrn einmal ein, für den Herrn Justus ein gutes Wort einzulegen! Bewahre! Als frischmelkende Kuh betrachten sie ihn, daß sie diesen Büffeln von Buben die Milch gebe. Ich für mein Theil ließe es bleiben. Haben sie euch ausgemolken, und seid ihr alt und steif, so giebt euch Keiner das Gnadenbrod. Das war's, was ich sagen wollte; nichts für ungut, Herr Justus!«
Der Kandidat Justus hatte die Rede seiner Hauswirthin mit der größten Ruhe angehört, und als sie fertig
war, und sich mit der Schürze den Schweiß von der Stirne gewischt, auch den verlorenen Faden auf ihrem Wollrad wieder gesucht hatte; da sah er sie an mit einem Blick, von dem es schwer zu sagen war, ob er ein billigender, oder ein vorwurfsvoller sein sollte. Er putzte das Licht und dann sagte er gelassen: »Ich habe euch euer Herz einmal ausschütten lassen, Frau Lindin, wozu ihr, seitdem wir zusammen leben, schon manchen Ansatz gemacht habt; und damit ihr seht, daß ich euer Wohlmeinen verstehe, ob es gleich etwas derb an Mann gebracht worden ist, so laßt mich euch sagen, was ich von mir und meinen Ansichten halte. Für's Erste, so weiß ich, daß unser Keiner ihm selber stirbt und unser Keiner ihm selber lebt: daß unser Herrgott uns an seinen getreuen Händen leitet und führet, und daß Alles von ihm kommt: Glück und Unglück, Leben und Tod, Armuth und Reichthum. Da ich solches weiß, was soll ich meinem Gott den Gehorsam aufkündigen und ihm sagen: »Deine Wege gefallen mir nicht, führ' mich besser!« Nein, da will ich lieber in seiner Schule bleiben und mit David sagen: »Du leitest mich nach deinem Rath und nimmst mich endlich mit Ehren an.« Zum Andern, so hat es mir bis dato nicht sonderlich gemangelt, und ich muß auch, wenn der Herr mich fragte: »Hast du je Mangel gehabt?« wie seine Jünger sagen: »Herr, nie keinen.« Wenn ich einem meiner Mitmenschen kann einen Dienst thun, zu dem ich Geschick und Zeit habe, und ist keine unehrliche Handthierung, warum soll ich so ängstlich um den Lohn feilschen? Und sind sie einig mit mir geworden um ein Geringes, was soll ich hinten drein scheel sehen und sagen: »Hätte auch mehr geben können.« So meint's meine Dorothe auch, und wenn ich heute zu ihr käme, und sagte: »So hab' ich's bis dahin gemacht; macht'
ich's anders, so konnt' ich dich vielleicht früher freien,« sie würde mir sicher zur Antwort geben: »Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchen wird es zuletzt wohlgehen.« Auch hab' ich in den sieben Jahren, die mich mein Gott hat abermals warten lassen, so viel Neues gelernt, daß ich nun um so besser bereitet bin, wenn er kommt und spricht wie zu Petro, auch zu mir: »Justus, hast du mich lieb?« »So weide meine Lämmer.« Zum Dritten, und das ist's wohl, was sie am Liebsten hören möchte, weil sie mich nachgerade für ein Schaf hält, das nicht aus seinem Stall möchte, so hab' ich manchen Schritt gethan bis dahin, zu Amt und Brod zu kommen. Denn ich habe gesehen, wie alle meine Kameraden sind vor mir in's Amt gekommen, und waren nicht lauter berufene Diener, und ist auch Mancher wie ein Dieb in den Schafstall hineingestiegen. Ich hab' auch angeklopft an dieser und jener Thüre; ich hab' den Rücken gebeugt und den Hut in der Hand gehabt; ich hab' gebeten und bin Bittens nicht müde geworden; aber es gebt mir eben wie dem Kranken am Teich Bethesda, ich habe Keinen, der mich hineinträgt, wenn das Wasser bewegt wird. Daraus merk' ich, daß meines Herrn Zeit noch nicht da ist. Laß' sie denn, Frau Lindin, laß' sie den für mich sorgen, der die Vögel nährt und die Lilien kleidet.«