Und wie die alte Lindin sich die Augen mit der Schürze abgetrocknet, und solche Rede eine gute Rede geheißen, und sich verabschiedet, und den frommen Miethsmann in ihren Abendsegen eingeschlossen hatte; da hörte sie aus dem Oberstübchen herab den sanften Ton der Harfe und hinein klang voll und kräftig das Lied: »Was mein Gott will, gescheh' allzeit!«
Wieder war es Abend, und der Candidat Justus saß wie gestern in seinem Lehnstuhl und las und schrieb; da kam die Hauswirthin keuchend zur Thüre hereingerannt, und rief: »Um Gottes Willen, Herr Justus, es sind Soldaten drunten mit Einem von der Polizei, die fragen nach euch und wollen euch arretiren!« Und wie die Alte das kaum gesagt, und die Augen mit der Schürze bedeckt hatte, da traten die Soldaten mit ihren Gewehren in der Hand in die Stube hinein, und der Mann von der Polizei sprach: »Seid ihr der Candidat Justus?« »Ja!« sagte ruhig der Angeredete. »Dann«, war die Antwort, »lautet mein Auftrag, euch zu verhaften und auf die Hauptwache abzuliefern; auch eure Schreibereien soll ich mit mir nehmen.« — Und wie er das gesagt, so raffte er alles Geschriebene, das auf Tisch und Kambank lag, auf; durchsuchte auch die Kiste in der Ecke, und nahm daraus mit, was geschrieben war.
Das geschah Alles so plötzlich, so schnell und unerwartet, daß die alte Lindin selbst, die sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen war, wie versteinert in einer Ecke stand und Einen nach dem Andern anstarrte. Nur einmal brach Justus das Schweigen und fragte: »Was gibt man mir denn Schuld?« »Wird der Herr selbsten am Besten wissen«, lautet die Antwort. »Und auf wessen Befehl werde ich verhaftet?« fragte er noch einmal. »Auf Befehl des Herrn Rath Laupus«, antwortete der Polizeibeamte.
Wie er ging und stand wurde dann der Candidat Justus abgeführt, und die Thüre ward hinter ihm versiegelt. Und wie sie hinaus traten, war schon allerlei neugierig Volk um das Haus versammelt; das theilte sich so laut, daß es der arme Gefangene hören konnte,
seine Bemerkungen über den Vorfall mit, und je weiter man ging, desto mehr schlossen sich dem Zuge an. Es war Martinsabend, und wer daheim keine Gans zu verzehren hatte, der wollte doch wenigstens bei einem vollen Glas einen guten Rath halten über den Preußenkönig und die Kaiserlichen.
So langte der Zug auf der Hauptwache an, und Justus wurde in das Arrestzimmer im oberen Stock geführt, und die Thüre schnell hinter ihm verschlossen.
Da stand er denn, der Vielgeprüfte, stand in der Dunkelheit völlig allein, nur Einer war bei ihm, sein treuer Gott, und vor dem prüfte er sein Gewissen, und zu dem betete er aus Herzensgrund um Trost und Stärke. »Herr, mein Gott«, so betete er, »du treuer Wächter, der du nicht schläfst, noch schlummerst, der du die Armen hörest und die Gefangenen nicht verachtest, laß vor dich kommen mein Seufzen und hilf mir aus meiner Noth. Herr, ich wandre im finsteren Thal und doch fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich!« Und wie er das Gebet gesprochen und nach dem Fenster sich hingetastet, von wo ein Lichtstrahl von der Laterne vor dem Wachthause in die Stube fiel, so wurde es laut vor der Thüre. Man zündete Feuer im Ofen an, und das Knistern der Funken tröstete ihn. Nicht lange, so ging die Thüre auf, ein Soldat trat mit einem Lichte herein, stellte es auf die Pritsche und fiel unter Weinen dem Gefangenen um den Hals. »Ich bin's, Herr Justus, erschrecket nicht, ich bin's, der Corporal Scheuermann ist es«, rief er schluchzend; »muß ich euch so wiedersehen, meines alten Freundes vom Jägerhaus Sohn, als Gefangenen wiedersehen, und bestimmt sein, euch zu arretiren und euch zu bewachen? Gelt, ihr habt nicht gewußt, wer
euch gefangen nahm dort in eurer Wohnung. Ich schlug das Auge vor euch nieder, als sei ich der Arrestant. Aber um Christi willen, was habt ihr denn gethan, daß ihr bei Nacht und Nebel einem Diebe gleich müßt ausgehoben werden?« »Ich weiß nicht, wessen man mich anklagt«, sprach mit fester Stimme der Gefangene. »Wir fehlen Alle mannigfach, aber die Sünden des Herzens richtet ja die Obrigkeit nicht, und einer Sünde, die meinen Nächsten gekränkt hätte, weiß ich mich nicht zu erinnern. Ich habe sieben Jahre lang hier in der Stadt mir mein Brod verdient, und ich glaube ehrlich und sauer genug; meine Unschuld wird bald an's Tageslicht kommen.« »Nun, wie es auch sei«, sprach der Corporal mit einem herzlichen Händedruck, »so bleib' ich euer Freund; der alte Scheuermann vergißt seiner Freunde nicht. So lang ihr hier sitzet, tausche ich mit meinen Kameraden, daß ich die Wache bei euch behalte. Da nehmt einstweilen meinen Mantel und stellt euch an den Ofen; es friert euch.«
Damit ging er, und kam bald mit einem Pausch Stroh wieder, den er auf die Pritsche warf. »Ein besseres Bett darf ich euch heute nicht machen«, sagte er; »der Dienst erlaubt's nicht; aber mein Gast dürft ihr sein; hier in dem Körbchen ist mein Abendbrod, das theilt mit mir.« So that Justus.
Nur auf kurze Zeit verließ ihn manchmal der Corporal, um seines Dienstes zu warten; und als um neun Uhr das Licht in der Arreststube gelöscht werden mußte, saßen die Beiden, der Gefangene und sein Wächter, noch manche Stunde bei einander und redeten von der Vergangenheit: von Vater und Mutter, von Heinrich und Dorothe, vom Jägerhaus und der Marksburg, vor Allem