aber vom Rath Gottes in der Menschen Schicksal, und daß man ihm stille halten und nicht verzagen müsse.

Einst, wenn des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, dann wird er sagen zu denen zu seiner Rechten: »Ich bin gefangen gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Wahrlich, ich sage euch, was ihr gethan habt Einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr Mir gethan.«

So gingen drei Tage hin; ein Verhör ward nicht gehalten, auch ward dem Gefangenen nicht gesagt, warum man ihn festgenommen. Er sah Niemand bei sich, als den Corporal; denn auch seine Hausfrau, die ihm regelmäßig das Essen brachte, durfte nicht zu ihm; so lautete der Befehl.

Am Abend des vierten Tages ließ sich bei dem Rath Laupus eine Frau aus der Stadt melden, die in einen Schanzenloper gewickelt, und mit einer Laterne in der Hand, auf der Hausflur stand. Der Herr Rath hatte dringende Arbeit und nahm die Frau ungern an; doch willigte er endlich in ihr Begehren, und die Frau Lindin vom Tiefenweg stellte ihre Laterne an die Thüre und trat ein. »Der Herr Rath wollen gnädigst entschuldigen«, sprach sie, »daß ich dieselben noch am Abend zu incommodiren mir erlaube; aber mein Miethsmann, der Candidat Justus, sitzt nun schon seit vier Tagen ohne Verhör und Urtheil auf der Hauptwache, und ich möchte wissen, wen ich denn eigentlich bis dahin in meinem Hause beherbergt habe ganzer sieben Jahre, einen kreuzbraven, lammfrommen Menschen, oder einen Spitzbuben, den man bei Nacht und Nebel mit Soldaten aus dem Hause holt?«

Der Herr Rath sah die Sprecherin von oben bis unten an, und meinte mit kurzen Worten, das gehe die

Frau Lindin nichts an, sie solle der Sache ihren Gang lassen. »Die Sache gehe mich nichts an, Herr Rath«, rief die Frau; »ei, wen soll sie denn sonst angehen? Hätte der Herr Justus noch Aeltern und Geschwister, die sich seiner annehmen könnten, dann gelte mir auch: 'Was deines Amtes nicht ist, davon laß' deinen Fürwitz;' so er aber Niemanden hat, denn mich, und allein steht in der Welt, und seinen Feinden nicht zum Spott werden soll, so lange ich lebe, und ich ihn lieb habe wie ein Kind, und nicht von ihm lassen werde, und wenn man ihn gleich zu Boden werfen will; so möge der Herr Rath einer armen, alten Frau die freie Rede zu gute halten, und mir reinen Wein einschenken, warum der Herr Justus wie ein Verbrecher in Ketten und Banden gehalten sei.« »Nun, nun«, sagte begütigend der Herr Rath, »bis zu Ketten und Banden sind wir noch lange nicht; was aber dem Justus schuld gegeben wird, und wobei ein dringender Verdacht auf ihm ruht, das ist, daß er bei der Fälschung einer Urkunde soll mitgeholfen haben, ja vielleicht die Fälschung selbsten gethan hat.«

»Fälschung einer Urkunde?« sagte die Frau und ging einen Schritt zurück, um eben so schnell wieder vor den Herrn Rath hinzutreten; »Fälschung einer Urkunde?« fragte sie noch einmal. »Wie, Herr Rath, nicht wahr, die Roßkaut' an der Lahnbrücke ist tief, und hat noch Niemand Grund in ihr gefunden, und stirbt jeder Christenmensch gerne eines seligen Todes auf seinem Bette; aber seht, Herr Rath, ich Barbara Lindin, des seligen Matthes Lind vom Tiefenweg eheliche Hausfrau, will mit gleichen Füßen von der Lahnbrücke herab in die Roßkaut' springen, meintwegen an jedem Bein noch einen Stein wie die Löwen auf dem Marktbrunnen, wenn der Herr

Justus ein Fälscher ist. Der Herr Justus ein Fälscher; ei, Herr Rath, fließt auch aus einer Quelle süßes und salziges Wasser zugleich, und tragen die Weinstöcke auch Distelköpfe? Und wer sieben Jahre lang kein Kind geärgert, und im Schweiße seines Angesichtes sein Brod gegessen hat, und mit dem Abendsegen in's Bett gegangen und mit gottseligen Gedanken aufgestanden ist, der soll der Diebe und Lotterbuben Geselle werden? Sucht die Spitzbuben unter den Müßiggängern und Tagdieben, unter den Säufern und Spielern, aber sucht sie nicht in meinem Hause; solche Unzucht dulde ich nicht, die thut auch der Herr Justus nun und nimmermehr. Der und betrügen, der und fälschen! Wo hätte er denn den Sündenlohn! Was er einnimmt, das gibt er mir für Hausmiethe, Wasche und Kost und hat nicht immer die Kasse voll, sondern viel öfter leer. Traut ihr ihm aber mit Gewalt etwas Arges zu, so seht in seine Schreibereien hinein; da steht Alles, was er treibt und thut, ich glaube schier, sogar was er denkt. Nicht daß ich's schon gesehen hätte, denn ich kann Geschriebenes nicht sonderlich lesen; auch schickte sich das Spioniren in fremder Leute Stuben nicht; sondern der Herr Justus hat mir selber gesagt, daß er aufschreibe, was ihm geschieht im Leben, damit er immer sehen könne, wie gut ihn der liebe Gott geführt und ob er zu- oder abgenommen.«

Ein Anderer an des Herrn Raths Stelle hätte der Frau ob ihrer freien Rede kein freundlich Gesicht gemacht, hätte sie wohl mit harten Worten angelassen. Aber das that der Herr Rath nicht, denn einmal war er ein gar feiner, liebreicher Mann, und mäßigte als ein Vernünftiger seine Rede, und dann kannte er die Weise der Frau

Lindin gar genau, wie sie die ganze Stadt kannte; er wußte, daß ihre Rede zwar nicht immer wie Honig war, daß ihr Herz aber ein warmes, treues Christenherz sei, voll Liebe zu Gott und voll Treue gegen die Menschen.