Sie wurden aber unterbrochen durch einen andern Hausfreund, den Schreinerkaspar, der einen Schemel unter die Wanduhr gestellt hatte, und sich am Werk zu schaffen machte. »Schulmeister«, sprach er von diesem hohen Standpunkt herab, »eure Uhr hat keinen gleichen Schlag mehr, auch ist der Guckuck, der die Stunde abruft, etwas rauhhälsig geworden, woraus man merket, sag' ich, daß das Werk in Unordnung ist. Gebt sie mir auf einige Tage mit heim, dann soll sie wieder gehen, daß es ein Staat ist.« »Kaspar«, sagte der Schulmeister, »die Uhr geht wirklich besser, als ihr glaubt, und was die Rauhhälsigkeit des Guckucks betrifft, so ist eben des Vogels Zeit nicht, wie ihr wißt, sich hören zu lassen; wartet nur bis zum April, dann ruft er heller.« — »Da haben wir's«, rief vom Schemel herab der Schreinerkaspar, der den Scherz des Schulmeisters ganz überhört hatte; »da ist ein Rädchen verbogen, gleich als hätte einer mit Unverstand am Werke gerissen. Das geht so nicht, die Uhr muß neu gerichtet werden; also herunter damit! Der Schreinerkaspar läßt sich nicht nachsagen, daß eine Uhr schlecht gehe, die er selbst gemacht hat.« »Nun meinetwegen,
nehmt sie mit heim, Kaspar«, sagte der Schulmeister lächelnd, »nur Eins bitte ich mir aus, laßt mir den Vogel in der Uhr und setzt mir kein ander Gethier hinein; denn so kunstreich auch die Uhr sein mag, die ihr dem Müller von Queckborn gemacht habt, so will mich's doch bedünken, es nähme sich in der Stube eines Christenmenschen gar sonderbar aus, wenn nach jeder Stunde des Tages und der Nacht ein Geisbock aus dem Thürlein springt, und ein Männlein hinter ihm drein, das so lange auf das Thier schlägt, bis das die Stunde abgeblöckt hat.«
»Schulmeister«, sagte lächelnd der Schreinerkaspar, »laßt mir meinen Spaß; jedem Narren gefällt seine Kappe; und das müßt ihr doch sagen, es hört Keiner den Geisbock die Stunde abrufen, er muß auch lachen, er mag wollen oder nicht; und ein Mensch, der lacht, sag' ich alls, ist immer um ein Lebensstündlein reicher geworden. Aber jetzt habe ich ein Werk in Arbeit, das, wenn's gelingt, euch erlustiren soll, sonderlich den Förster da. Da singt ein Vöglein die Stunden ab, nicht ein Guckuck, sondern ein Vöglein wie's auf dem Baume sitzt, nur fehlt mir noch etwas am Orgelwerk drinnen, und das soll mir der Herr Fleischhauer zu Grünberg helfen ausdenken.«
»Schreiner«, sprach ernst der Schulmeister, »wollt ihr Rath annehmen, so sag' ich euch, geht nicht zu dem Fleischhauer. Treibt eure Kunst daheim, so gut ihr sie treiben könnt, Gott und Menschen zum Dienst; aber von dem Fleischhauer bleibt weg, in dessen Nähe ist's nicht geheuer. Der kommt mir vor, wie der leibhaftige Satan, und sein Häuschen an der Mauer, wie die Höhle des Löwen, wo viele Spuren hinein, wenige wieder her
ausgehen. Was der Mann treibt, das verstehe ich nicht, man sagt, er soll den Stein der Weisen suchen; das aber weiß ich, daß ihrer Etliche, die mit ihm angebunden hatten, sind ärmer geworden, denn Hiob. Ein Spielzeug wird der liebe Gott jedem Christenmenschen gönnen, wenn aber in der Kurzweil das Heil der Seelen auf dem Spiel steht, dann gilt auch, was dort geschrieben steht: »Aergert dich dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf es von dir.«
»Ja, so mein' ich's auch«, sprach der Elias Büttner von Saasen, der seinen Sitz am Fenster genommen hatte und von Zeit zu Zeit in die Nacht hinaus sah, »so mein' ich's auch; was nicht Gott und Menschen zu Dienst und Wohlgefallen gethan wird, das acht' ich für eitel Narretheiding. Treib' ein Jeder nur hübsch seinen Beruf, dahin ihn sein Gott gesetzt hat, und sag' Keiner, sein Aemtlein sei ihm zu klein. Es sind mancherlei Gaben und Aemter, aber es ist Ein Geist. Und wenn einst Abend wird im Leben, und der Tag sich neiget, und der Herr kommt und macht ein Ende mit aller unserer Noth, dann wird er gewiß zuerst fragen, ehe er uns dahin nimmt, wo Freude die Fülle ist und liebliches Wesen zu seiner Rechten ewiglich: Hast du mit deinen Centnern, die ich dir gab, noch andere gewonnen, oder dein Pfund in die Erde vergraben? Ueber Weniges treu sein, Alles, was Gott thut, für gute und vollkommene Gabe erkennen, an den Werken Gottes sein herzlich Wohlgefallen haben, bis wir ihn einst von Angesicht zu Angesicht erkennen, das sollt' aller Menschen Dichten und Trachten sein. Schulmeister, ihr habt den Kindern wieder ein neu Sprüchlein mit heimgegeben, das ist mir aus dem Herzen herausgesprochen. Ja, wahr bleibt's:
»Die Welt liebt Geld,
Und tracht' mit Macht,
Wie sie allhie
Viel rafft und schafft,
Da doch hier noch
Die Welt sammt Geld
Zerrinnt geschwind.«
»Laßt euch nicht irre machen, Schulmeister, durch der Spötter Gerede, als würde in eurer Schule zu viel in Liedern und Sprüchlein gelehret. Laßt euch, sag' ich, nicht irre machen; wäre zu meiner Zeit also in der Schule gelehrt worden, ich hätte wohl auch gelernt, meines Gottes Lob in ein Liedlein kleiden, wie ihr das könnt. Alles, was ihr wißt, das gönn' ich euch, aber um Eins beneide ich euch, daß ihr mit David sagen könnt: »Mein Herz dichtet ein feines Lied.« Ist das Gebet schon so süß, und süß ein Wort aus heiliger Schrift, so muß es noch viel süßer sein, aus dem Herzen heraus die frommen Seufzer in schöne Reimlein fassen zu können. Wer das kann, der rühme sich getrost: »Mir ist ein schön Erbtheil geworden.«
»Aber da ist er ja, den wir heute Abend hier erwartet haben, der Bote Gottes, sehet nur, wie hell sein Licht! ›Ja Licht ist sein Kleid‹, ›und durch den Nebel bricht sein Licht‹, ›und es ist süße das Licht‹, ›und ich bin das Licht der Welt‹, wem fallen solche Worte der Schrift nicht mit einem Male ein, wenn er solch' Wunder beschaut.«
Welch' ein Anblick, als die Hausfreunde an's Fenster eilten! Ueber einer herrlichen Winterlandschaft war der Mond aufgegangen. Die Dächer des Dörfleins im Thale glänzten im Silberlicht, und es war eine Helle in der Natur daß man die entferntesten Gegenstände wie am Tage