war noch enger und kleiner; so mußte denn manch' kräftig Gemüth in die Tiefe wurzeln, weil man ihm nach außen den Weg versperrte.
Solche Stille fanden an unserm Justus den rechten Mann. Auch ihn zog Gemüth und Beruf und ein tiefgründiger Glaube von der Welt ab; so waren denn auch solche ihm willkommen, die sich in der Stille mit ihm freuen konnten. Denket aber nicht, daß die Besuche, die dem Schulmeister vom Veitsberg galten, eine Art Kirchlein in der Kirche zum Zwecke hatten; des Justus Hausfreunde waren vielmehr derbe, deutsche Kernnaturen von altem Schrot und Korn, die in dem Einen, das Noth thut, festgewurzelt waren, und dessen niemals einen Hehl machten, von denen aber Jeder noch nach dem Sprichwort sein eigen Steckenpferd ritt, für das sie Futter bei dem Kalendermann suchten und fanden. Und wie Justus über seine Hausfreunde dachte, das drückt er selber in dem Sprüchlein aus:
»Ist fromm dein Haus, so ziehen ein
Viel' guter Freund', sich dein zu freu'n;
Auf gutem Haus der Storch nur wohnt,
Die Freundschaft nur den Treuen lohnt.
Drum an dem Freund' halt' treu und feste,
Er ist der Gottesgaben beste.«
So füllte sich denn auch an einem schneehellen Februarabend des Jahres 1744 das Stübchen des Schulmeisters mit seinen Freunden an. Es war ein traulich liebes Stübchen das des Schulmeisters vom Veitsberg, und Alle, die einmal dort gewesen waren, versicherten, es sei ihnen am warmen Ofen noch niemals so wohl gewesen. Denn die Herzensgüte, die aus dem Auge des Justus leuchtete, that Allen wohl, und wenn er sprach, dann war seine Rede so eindringlich und über
zeugend, daß Jeder von ihm nur belehrt sein wollte. Und Dorothe, wie freundlich empfing die die Gäste, wie sorgsam erkundigte sie sich nach dem Befinden der Ihren, und wie überlegsam wußte sie Jeden so zu setzen, wie es seinen Körperumständen am zuträglichsten war!
So kam der alte Zacharias Storch von Bolnbach allezeit in den Sorgstuhl neben den Ofen, und nicht selten ward ihm auch ein gewärmter Backstein unter's linke Bein gelegt, das er steif aus dem Türkenkrieg mit heimgebracht hatte. Denn der alte Storch hatte unter Prinz Eugen gegen den Erbfeind gefochten, und wußte viel zu erzählen von den Schlachten bei Peterwardein und Belgrad, und von der Türken Blutgier und von dem Pascha, den er selber vom Pferd heruntergehauen und seinen Fingerring erbeutet, von Gold und grünem Stein, auf dem ein Spruch in arabischer Schrift gestanden, und der ihm leider von einem Kroaten war gestohlen worden; »denn dieß Gesindel«, so sagte er immer, »stiehlt wie die Elstern, und hat nicht soviel Gewissen, wie diese losen Vögel.«
Das Bänkchen an der andern Seite aber gehörte dem Förster Simon Kleinfelder von Winnerod, auch der Kirschenförster genannt, weil der Kirschbaum sein Lieblingsgewächs war, das er anpflanzte, wo er konnte, und von dem er sprach, er mochte reden, mit wem er wollte. Der war unseres Justus Lehrer in der Baumzucht, und daß er an ihm einen gelehrigen Schüler hatte, davon zeugen noch heute die Kirschbäume um die Kirche her, die der Justus gepflanzt, und so manche gute Obstsorte, die um den Veitsberg her sich findet. Denn Justus sagte und lehrte auch seine Schüler das Verslein:
»Ein jeder Baum in seiner Pracht,
Der lobet den, der mit Bedacht
Ihn einst gepflanzt und bezweigt,
Und Sorg' und Wartung ihm gereicht.
Die Blüthe, die auf's Grab einst fällt
Vom Baume, den man selbst bestellt,
Kein Marmor gibt ihm solche Zier; —
Drum sei der Baum ein Denkmal mir.«
Auch an diesem Abend unterhielt sich der Förster mit dem Justus über die Baumzucht, und sie theilten sich ihre Hoffnungen und Befürchtungen über das neue Jahr mit; unter den Befürchtungen war eine recht große, wie wir bald hören werden.