O wie mag dir der Heimweg so süß und friedlich gewesen sein, du guter Justus! Du hast ein gut Tagewerk heute vollbracht; von dir gilt, was dort der Prophet sagt: »Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen; die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!«

»Dort ruft, o möchte Gott es geben!
Vielleicht auch mir ein Sel'ger zu:
Heil sei dir, denn du hast das Leben,
Die Seele mir gerettet du!
O Gott, wie muß das Glück erfreu'n,
Der Retter einer Seele sein!« —


Es war Abend und der Fremde stand am Thore der Stadt Gießen. Unerkannt, wie er bis dahin geblieben war, wollte er sich an der Wache vorbei in die wohlbekannte Stadt einschleichen; aber die Schildwache, die am Thore stand, vertrat ihm den Weg, und rief ihm in barschem Tone zu: »Hört, Landsmann, wer hier hinein will, und ist ein Fremder von eurem Ansehen, der hat zuvor Stand und Beruf zu melden, auch durch Paß und Schreiben sich

gehörig zu legitimiren.« Auf des Fremden Bemerkung, daß er ein Stadtkind sei, sagte der Soldat nichts, als: »Das steht zu beweisen.« »He, Renner«, rief er einem Soldaten zu, der gerade aus dem Fenster der Wachstube heraussah, »nimm einmal den Mann hier als Arrestanten in Empfang, und bringe ihn hinein zum Corporal; es scheint nicht richtig mit ihm zu sein.«

So geschah es. Der Corporal fragte den Fremden nach Stand und Namen, und schüttelte den Kopf, als er den letzteren gehört, und sagte: »Seid ihr wirklich der, für den ihr euch ausgebt, so muß ich um des Gewissens willen eine Ausnahme von dem Befehl machen, alle Arrestanten dem Herrn Platzkommandanten vorzuführen. Mit eurer Heimkehr hat's Eil', wie ich heute Abend gehört, als ich zum Verles ging. Geht also, nehmt aber diesen Soldaten mit euch, der euch zurückbringen wird, falls ihr nicht auf dem rechten Wege bleibt.«

In Begleitung des Soldaten durcheilte der Fremde die wohlbekannten Straßen, lenkte in die Schloßgasse ein und ergriff den Klopfer einer Hausthüre, um hinein zu gehen. Doch die Thüre war verschlossen. Ungestüm hämmerte er mit dem Klopfer an der Thüre. Die ward auch bald geöffnet, aber ein Bedienter vertrat dem Fremden den Weg und sagte: »Wollt ihr zum Herrn Rath Laupus, so kommt später wieder, der Herr Rath sind krank und lassen Niemand vor sich.« Dieses hören und den Bedienten zur Seite stoßen und die Treppe hinanstürzen, war bei dem Fremden das Werk eines Augenblicks. Ungestüm riß er die Thüre zum Schlafzimmer seines Vaters auf, und mit lautem Schrei stürzte der verlorene Sohn vor das Bette des todtkranken Vaters. Von dem Schrei schreckte der Kranke aus seinem Fieberschlafe auf, starrte um sich

her, und als sein Blick auf den Sohn fiel, der zur Seite des Bettes auf den Knieen lag, richtete er sich mit großer Anstrengung auf, und fragte hastig: »Träum' ich, oder bin ich schon todt, oder ist es wahr, ist mein Benjamin zurückgekehrt?« »Ja, Vater«, rief der Jüngling unter lautem Weinen, »ich bin's, dein Sohn ist es; vergib ihm, um Gottes Barmherzigkeit willen, vergib ihm. Es reuet mich Alles, was ich gethan, aus Herzensgrund; ich will fortan ein andrer Mensch werden!« »Hab' Dank, guter Gott, für dieß letzte Labsal«, sprach der Kranke, indem er zurücksank, mit der linken Hand seine Augen bedeckte, und die rechte segnend auf des Sohnes Haupt legte. »Sei willkommen, Benjamin, sei in Gottes Namen willkommen«, sprach er leise; »du kommst zu rechter Zeit, und wenn der liebe Gott das Gebet eines sterbenden Vaters erhört, so bitte ich um Christi willen, er möge dir deine Sünde vergeben, wie ich dir vergeben habe. Komm, Benjamin, küsse mich, und sei hinfort wieder mein guter Sohn. Ich sterbe bald, vielleicht noch in dieser Stunde, so bleib' denn um mich, daß ich mich deines Besitzes wieder freuen kann.«

Indem klopfte es an die Thüre; eine alte Frau, die als Wärterin am Ofen gesessen hatte, öffnete sie, und ließ einen Mann herein, der auf das Bette des Kranken zuging, und in leisem Tone sagte: »Herr Rath, ihr habt meiner begehrt, womit kann ich euch zu Diensten sein?« »Ich danke euch, Herr College Gerst«, sprach der Rath Laupus, »daß ihr meinem freundlichen Bescheid schnell habt Folge gegeben. Mein Ansinnen sollte sein, daß ihr meinen letzten Willen mir aufsetztet; nun aber der Herr mein Gebet erhört, und meinen Benjamin mir zurückgeführt hat, so geht nur mein Begehren an euch,

ihr wollet euch meines Sohnes nach besten Kräften annehmen und behülflich sein, daß er auf rechtem Wege erhalten werde.« Wie der Rath Gerst darauf dem Kranken Handschlag und Wort gegeben, trat er vom Bette weg, um Vater und Sohn ungestörter verkehren zu lassen, und setzte sich in die Nähe des Ofens.