»O gewiß«, sagte der Schulmeister, »wenn sie nur ihre bösen Wege lassen und die Stimme Gottes nicht überhören, die in den Folgen ihrer Sünden zu ihnen spricht und sie zur Buße rufet. »Denn so wahr ich lebe, spricht der Herr, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß er sich bekehre und lebe.« Denn bei ihm ist viel Vergebung.«
»Ich glaube das«, sagte der Fremde, »ja seit der letzten Nacht, die ich durchwacht, glaub' ich's sogar von Herzen, und verstehe jetzt, was ich früher nie verstehen konnte: »wie Gott nicht will, daß Jemand verloren gehe, sondern daß sich Jedermann zur Buße bekehre.« Aber wie ist es mit den Menschen, nehmen die auch die Sünder so
freundlich wieder auf, werden die auch bereit sein, alles Geschehene zu vergessen, wenn Einer kommt und sagt: »Es reut mich von Herzen, was ich gethan habe, vergib mir meine Schuld?« Und der Fremde hielt beide Hände vor sein Angesicht und weinte laut, und rief einmal über das andere Mal aus: »O mein Vater, mein Vater!«
»Kümmert euch das«, sprach theilnehmend der Schulmeister, »so laßt die Sorge fahren. Habt ihr etwas zu bereuen, das ihr gegen Gott und Menschen gethan habt, ist es euch leid von Herzensgrund, und habt ihr durch den euren Rückweg zu Gott genommen, der von Gott uns gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit zur Heiligung und zur Erlösung, und habt ihr durch ihn den Zutritt gewonnen zum Vater und durch ihn die Botschaft vernommen: »Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben«, — dann geht getrost den Menschen unter's Auge, wer sie auch sind, und sagt ihnen: »der Herr hat mir vergeben, vergib mir auch«, sie werden euch nicht von hinnen weisen. Und thäten sie's, was verlöret ihr dabei? Ist Gott mit uns, wer mag wider uns sein? Wir vermögen Alles durch den, der uns mächtig machet, Christus.«
»Ach, ihr wißt nicht«, sprach der Fremde, der sich etwas gesammelt hatte, »wie ich meinen Vater gekränkt habe. Ich war sein einzig Kind, und meine Mutter schon lange todt. Da hat er mich denn geliebt in Milde und Ernst, wie ich es nie verdient und nie vergelten kann. Und doch ward ich schlecht und schlug Alles in den Wind, und soff und spielte und betrog und entwich endlich, und ließ meinem Vater einen Haufen Schulden zurück. Seit Jahren treibe ich mich dann in der Welt umher; habe mir helfen wollen auf gute und böse Weise, und bin immer tiefer
gesunken, bis ich zum Bettler ward. Da bin ich meiner Heimath immer näher gekommen, und auch immer mehr in mich gegangen, und seit gestern Abend, da ich im Gleichniß vom verlorenen Sohn mich selbst erkannte, habe ich mich recht gedemüthigt und zu mir gesprochen: »Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!« Aber da läßt mir der Gedanke keine Ruhe: Er wird, er kann dich nicht aufnehmen, du hast zu schwer an ihm gesündigt! Sagt mir, o sagt mir, wird er mich aufnehmen?«
»Mein Freund«, sagte der Schulmeister tief ergriffen, »lernet doch erkennen den Himmelstrost aus heiliger Schrift. Der dort sagt im Gleichniß: »Und da er noch ferne war von dannen, sahe ihn sein Vater und jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küssete ihn«, — der muß wohl gewußt haben, wie es um ein Vaterherz steht. Alle Lieb' kann aufhören: Gattenlieb' und Kindeslieb' und Freundeslieb', aber Vater- und Mutterlieb' höret nimmer auf; die ist stärker als der Tod, tiefer als das Meer, höher als der Himmel. Und der mich gelehrt hat, an solcher Liebe Kraft zu glauben, der lehrt mich auch jetzt euch sagen: »Geht nur, mein Sohn, euer Vater hat euch vergeben, so gewiß auch Gott uns vergibt in Christo Jesu.«
»Amen, so sei es«, sprach der Jüngling; »mit diesem Trost will ich meinem Vater unter die Augen treten. Wie es nun ausfalle, habt tausend Dank für Rath und Trost, und erlaubt mir, daß ich noch einmal zu euch komme, um euch zu danken, besser als ich es heute kann. Dann sollt ihr auch meinen Namen erfahren, denn den ich in der Fremde geführt, der ist nicht mein Name; meines Vaters Namen zu führen, schäme ich mich.«
Bei diesen Worten waren die Wandrer aus dem
Walde getreten. Sie standen auf einer Höhe, und vor ihnen breitete sich nach Westen hin ein herrliches Thal mit mehreren Dörfern aus. »Kennt ihr die Gegend?« fragte der Schulmeister den Fremden. »Wohl kenne ich sie«, war des Fremden Antwort. »Das da drüben am Berge mit dem Schlosse, das so hell in der Sonne glänzt, das ist Buseck, und dort im Thale sehe ich die Thürme von Gießen. Ach dürfte ich es wieder meine Vaterstadt nennen!« »Muth gefaßt, junger Freund«, sagte Justus, »wenn die Sonne untergeht, seid ihr dort. Lebt wohl!« Unter herzlichem Händedruck schieden sie.