Wie der Schulmeister am andern Morgen in des Fremden Schlafstube kam, da fand er diesen am Fenster stehen, den Kopf wider die Scheiben gelehnt und hinausschauen in den Morgen, der, einen schönen Märztag

verkündend, über die Thäler heraufstieg. Der Fremde war noch blässer, denn am Abend; und jetzt bei hellem Tage sahe man erst recht, warum er Bedenken getragen, in ein ehrlich Haus einzutreten, denn seine Kleidung waren eitel Lumpen und die Schuhe waren mit Bindfaden an den Füßen festgebunden. Gesicht aber und Hände waren rein, und seine Haltung war aufrecht, und sein Blick hatte nichts Freches und Wildes, war vielmehr sanft und leidend. Ein Blick auf das Lager überzeugte den Schulmeister sogleich, daß der Fremde nicht darin geschlafen, daß er vielmehr wahrscheinlich die Nacht durchwacht habe. Das Alles übersah Justus mit einem Blick und mit einem Gedanken durchdachte er das ganze Seelenleiden des Fremden und eine innige Theilnahme ergriff sein Herz. Und wie ihm zu Sinne war, so sprach er es aus, gleich fern von Aufdringlichkeit wie von Neugier. Das rechte treue Wort schien auch die rechte wunde Stelle im Herzen des Fremden gefunden zu haben, denn er sagte gar bewegt: »Habt Dank, habt Dank, guter Mann für die große Liebe, womit ihr mich, einen Landläufer, beehrt habt. Nicht lange mehr will ich euch lästig fallen. Wollt ihr mir aber noch einen recht großen Dienst thun, so führt mich auf einen Pfad, auf dem ich Gießen erreichen kann, ohne daß Menschen mir begegnen, und schenkt mir auf ein einzig Stündlein nur euer Geleit, ich möchte von euch einen Freundesrath mir erbitten. Seit ich in der Irre gehe, habe ich solch' eine Liebe nicht gefunden, wie bei euch! O hätte ich euch früher gefunden, es stünde jetzt anders um mich!«

»Hab' ich denn etwas Sonderliches an euch gethan«, fragte der Schulmeister, »das solch' Aufhebens verdiente, wie ihr thut? Ich habe euch aufgenommen, da ihr sonst

kein Obdach finden konntet, das ist Alles. Ist das eine Tugend oder ein Lob, so hab' ich sie von Vater und Mutter gelernt, und wäre das nicht, so kenne ich ja des Apostels Wort: »Nehmet euch der Heiligen Nothdurft an, herberget gerne.« Was euren Wunsch aber betrifft, so weiß ich ein Pfädlein durch Wald und Feld, das ist einsam und traulich; ich bin's wohl auch schon an warmen Sommertagen gegangen. Auf dem Pfädlein will ich euch gern das Geleite geben, nur laßt mich erst meines Amtes warten. Haben wir mitsammen die Morgensuppe gegessen, so ziehe ich das Schulglöcklein, das man drunten weithin höret, und dann kommen meine Schüler. Seht nur dort hinunter, dort an der Waldecke, da naht schon ein Trüpplein; sie kommen gern, und bleiben gern, ohne daß ich sie treibe und halte. Seht, jetzt haschen sie einander und Einer ruft, um das Echo zu wecken, das dort an der Waldecke ist. So ist's recht, ihr Kinder! Ich sag' ihnen immer:

»Wer sich gewöhnet hat, in Ehren sich zu freu'n,
Wird auch bei ernster Sach' nicht träg und schläfrig sein.«


Nach der Morgensuppe war der Fremde verschwunden; er hatte sich im nahen Walde verborgen gehalten, denn er schämte sich der Lumpen, die ihn deckten. Um die Zeit, die ihm von Justus genannt worden war, erschien er wieder, nahm schnell aber herzlich von Dorothe Abschied, und wanderte mit dem Schulmeister durch die Wälder nach Gießen zu.

Im Wald war's schon lebendiger geworden; die Vorboten des Frühlings zeigten sich auch da. Einsame Bienchen flogen um die Schneeglöckchen, oder hingen sich an die Kätzchen der Salweiden, während der Specht mit

lautem Hämmern den Würmern in den alten Buchen nachstellte, und die Amsel Reiser trug zum Nest, und ihren lauten Schlag durch die Wälder schallen ließ. Es war ein schöner Märztag, und die Sonnenstrahlen fielen so warm durch die kahlen Zweige der Bäume auf die Wandrer, daß der Schulmeister seinem Dankgefühl Worte gab und zu seinem Gefährten sagte: »Ein solcher Tag lohnt doch für viele trübe Winterstunden. Aber so ist's auch im Reiche Gottes; unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schaffet eine ewige Herrlichkeit.«

»So muß es wohl sein«, sprach der Fremde, »denn die Schrift sagt's, und mag für die ein großer Trost in dem Sprüchlein liegen, die gleich Hiob sagen können: »Mein Gewissen beißt mich nicht meines ganzen Lebens halber.« Aber wie steht es mit Denen, die ihr Leid selbst verschuldet haben; die von Gott sich losgesagt und ihre eignen Wege gegangen sind; wird denen auch die Last abgenommen, und haben die den Trost, daß ihr Leid sie zum Heil führe?«