Bald stand auf dem Tische des Fremden eine Milchsuppe mit Brodschnitten darin, und auf flachem Teller von buntem Hausgeschirr ein Kuchen von frischgelegten Eiern; und der Fremde aß mit großer Begierde, und man sah es ihm an, wie er sich Gewalt thun mußte, seinen starken Hunger nicht zur Schau zu tragen.
Während Dorothe ab- und zuging, und dem Fremden drüben im Schulstübchen das Nachtlager bereitete, hatte derweil der Schulmeister seinen Rath mit ihm. Doch ging das Gespräch nicht sonderlich von Statten; denn der Fremde antwortete nur auf die gethanen Fragen, und schien gar niedergebeugt. Das indessen brachte der Justus schon am Abend an ihm heraus, daß er unter den Preußen gedient, als diese unter ihrem König, dem großen Fritz, wie er nachmals genannt wurde, den Kaiserlichen das Schlesinger Land abgenommen; aber der Fremde legte so wenig Werth auf die Thaten, die er in diesem Kriege gethan, daß man ihm wohl anmerkte, er habe das Soldatenhandwerk nicht sonderlich lieb gehabt. Auch vermied er sichtlich, seinen Namen zu nennen, und das Ziel seiner Reise zu verrathen. Viel gesprächiger ward er aber, als
von gelehrten Dingen die Rede war, und Justus merkte wohl, daß er es mit einem Manne zu thun habe, der in fremden Sprachen einen guten Grund gelegt, auch sich da und dort in den Büchern fleißig umgesehen habe.
So war die Zeit zur Nachtruhe gekommen, und Justus sagte zu dem Fremden: »Ich und mein Haus wollen jetzt dem Herrn dienen. Habt ihr Gottes Schutz und Treue erfahren an diesem Tag, so erlaubt ihr wohl, daß wir mit euch und für euch loben und danken in dieser Abendstunde.« Als der Fremde schweigend mit dem Kopfe genickt, da nahm der Schulmeister sein Hausbüchlein von dem Kammbank, darin er für sich und die Seinen zu täglichem Gebrauch den Morgen- und Abendsegen, wie viel andere herzliche Gebetlein für allerlei Lage und Zeit eingeschrieben hatte, und betete mit lauter Stimme also:
»Barmherziger, gnädiger Gott und Vater, ich sage dir Lob und Dank, daß du Tag und Nacht geschaffen, Licht und Finsterniß unterschieden; den Tag zur Arbeit und die Nacht zur Ruhe, auf daß sich Menschen und Thiere erquicken. Ich lobe und preiße dich in allen deinen Wohlthaten und Werken, daß du mich den vergangenen Tag hast vollenden lassen durch deine göttliche Gnade, und desselben Last und Plage hast zurück legen lassen. Es ist ja genug, lieber Vater, daß ein jeder Tag seine eigne Plage habe. Du hilfst ja immer eine Last nach der andern ablegen, bis wir endlich zur Ruhe, und an den ewigen Tag kommen, da alle Plage und Beschwerung aufhören wird. Ich danke dir von Herzen für all' das Gute, das ich diesen Tag von deiner Hand empfangen habe. Ach Herr, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit, die du an mir täglich thust. Ich danke dir für die Abwendung des Bösen, das mir diesen Tag begegnen können, und daß du
mich unter deinem Schirm des Höchsten und Schatten des Allmächtigen bedecket, und behütet hast vor allem Unglück, und vor schweren Sünden, und bitte herzlich und kindlich, vergib mir alle meine Sünden, die ich diesen Tag begangen habe, mit Gedanken, Worten und Werken. Viel Böses habe ich gethan, viel Gutes habe ich versäumt. Ach, sei mir gnädig, mein Gott, sei mir gnädig! Laß heute alle meine Sünde mit mir absterben, und gib mir, daß ich immer gottesfürchtiger, heiliger, frömmer und gerechter wieder aufstehe; daß mein Schlaf nicht sei ein Sündenschlaf, sondern ein heiliger Schlaf; daß meine Seele und mein Geist immer zu dir wache. Segne meinen Schlaf, wie den Jakobs, da er die Himmelsleiter im Traum sah, und den Segen empfing, und die heiligen Engel sah; daß ich von dir rede, wenn ich mich zu Bette lege, an dich gedenke, wenn ich aufwache; daß dein Name und Gedächtniß immer in meinem Herzen bleibe, ich schlafe oder wache. Gib mir, daß ich nicht erschrecke vor dem Grauen der Nacht, noch vor den Sturmwinden der Gottlosen, sondern süße schlafe. Behüte mich vor schrecklichen Träumen, vor dem Einbruch der Feinde, vor Feuer und Wasser. Siehe der uns behütet schläft nicht, siehe der Hüter Israels schlummert nicht. Sei du, o Gott, mein Schatten über meiner rechten Hand, daß mich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts. Laß deine heiligen Wächter mich behüten, und deine Engel sich um mich her lagern, und mir aushelfen. Dein heiliger Engel wecke mich zu rechter Zeit, wie den Elias, und wie den Petrus, da er schlief im Gefängniß zwischen den Hütern, auf daß ich erkenne, daß ich auch sei in der Gesellschaft der heiligen Engel. Und wenn mein Stündlein vorhanden ist, so ver
leihe mir einen seligen Schlaf, und eine selige Ruhe in Jesu Christo, meinem Herrn.«
»Amen«, sprach feierlich der Schulmeister; »und nun Dorothe, meine Liebe, lies du uns noch die Abendlection aus heiliger Schrift. Hier im Evangelium Lucä stehen wir, im fünfzehnten Kapitel, am eilften Verse.« Und Dorothe nahm die Bibel aus seiner Hand und las, wie ein gläubiger Christ die Schrift liest, voll Salbung und Andacht das Gleichniß vom verlorenen Sohne.
Bis dahin hatte der Fremde mit gefaltenen Händen und mit gesenktem Blicke dagesessen, nun aber, wie Dorothe las, ward er unruhig und seine Unruhe wuchs mit jeder Minute, und wie Dorothe an die Worte kam: »Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater ich habe gesündigt in dem Himmel und vor Dir«, — da seufzte der Fremde zum Herzbrechen, und große, dicke Thränen stürzten aus seinen Augen und er rief laut: »Mein Vater, mein Vater!« Dann ward er plötzlich wieder stille, sprach auch kein Wort mehr, als: »Gute Nacht!« und ließ sich von seinem Gastwirth in sein Schlafgemach geleiten.
Die Nacht ging ohne Störung vorüber. Mit Gebet für das Heil des Fremden, der unter ihr Dach getreten war, waren Justus und sein Weib eingeschlafen; »denn er bedarf unseres Gebetes gewi߫, hatte der Schulmeister gesagt, »trügt mich der Augenschein nicht gänzlich, so beherbergen wir einen verlorenen Sohn; möge er nur bald heimkehren zu seines Vaters Haus.«