und schaute mit thränenden Augen das wundervolle Schauspiel an. »O Herr« rief er aus, »wer kann deiner Herrlichkeit sich satt sehen! Du thust große Dinge, die nicht zu forschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind!« »Doch soll ich denn der Einzige sein«, sprach er vor sich hin, »der dieß Werk Gottes bewundert! Dorothe soll mir helfen.« So sagend schritt er der Thüre zu. Doch in diesem Augenblick schlug es auf dem Thurme acht Uhr, und der Schulmeister, gewohnt, seinen Dienst pünktlich zu thun, eilte zur Kirche, öffnete sie rasch, wunderte sich auch weiter nicht darüber, daß er die Thüre nur angelehnt fand, und zog die Abendglocke. Wie ihr Klang in das Thal hinab schallte, da deuchte es ihm, so feierlich hätte es noch nie gelautet, und er selbst kam sich vor wie ein Herold, ausgesandt, die großen Thaten Gottes zu verkündigen, und vernehmlich sprach er vor sich hin: »Ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern.«

Da kam es ihm vor, als rege sich in dem Kirchlein etwas und als seufze ein Mensch aus tiefer Brust. Doch er achtete des Tones weiter nicht, denn zu allen Zeiten der Nacht war er schon in der Kirche gewesen, und hatte auf den Gräbern umhergestanden, und so waren ihm diese Orte, die sonst bei nächtlicher Weile für den Furchtsamen Orte des Schreckens sind, sehr befreundet und ängsteten ihn nicht.

Er hatte sein Geschäft vollendet, die Thüre rasch hinter sich zugeschlagen, und wollte eben den Schlüssel aus dem Schlosse ziehen; da rief aus der Kirche eine laute Stimme: »Laßt auf, es ist Jemand in der Kirche!« Der Schulmeister blieb stehen und sein Herz klopfte ihm in der Brust, doch rief er mit entschlossenem Tone: »Wer ist denn in der Kirche, sagt in Gottes Namen, wer ist denn

in der Kirche?« »Ein Fremder«, scholl es aus der Kirche, »der sich hier ein Nachtquartier gesucht hat.« Da öffnete Justus die Thüre und heraus trat eine hohe Gewalt, mit einem Knotenstock in der Hand und sprach in mildem Tone: »Vergebt mir, wenn ich euch erschreckt haben sollte, ich wollte nichts, als freies Lager für diese Nacht und freien Aus- und Eingang von hier.«

»Ein Nachtquartier in einer Kirche suchen«, sprach der Schulmeister, »ist mir noch nicht vorgekommen; wer es da ohne Grausen kann aushalten, der muß ein gut Gewissen haben.« Da der Fremde auf diese Rede keine Antwort gab, so fuhr er fort: »Thätet ihr aber nicht besser, Fremder, wenn ihr in guter Leute Haus einkehrtet für diese Nacht, statt hier in der Kirche, wo es kalt ist und wo ich euch kein Schlafplätzchen vergönnen darf?« »Daß sich's unter Dach und am warmen Ofen besser ruht, denn hier, das weiß ich wohl«, sprach der Fremde, »aber wer wird einen Reisenden um Gottes willen aufnehmen mögen, der seinen letzten Pfennig ausgegeben hat?« »Wie man anklopft«, sagte der Schulmeister, »so wird einem aufgethan, und ein gut Wort findet auch eine gute Statt. Es sind ihrer noch Etliche, die gastfrei sind ohne Murmeln; geht nur an die nächste Thür' und versucht's.« »Wo ist denn die nächste Thüre«, fragte der Fremde, »und wie heißt das Oertlein hier auf dem Berge?« »Das Dörfchen heißt der Veitsberg«, sagte Justus, »und die nächste Hausthüre ist die meine.« »Und wer seid ihr?« fragte langsam der Fremde. »Ich bin der Schulmeister vom Veitsberg, und biete euch ein warmes Nachtlager an, sogar von Herzen gern, wenn ihr mir als ehrlicher Christenmensch in's Aug' sehen könnt,

und annehmen wollt, was mein klein' Haus vermag, ein freundlich Gesicht und einen Bissen Abendbrod.«

Der Freunde stand zögernd noch auf demselben Flecke und schaute bald den Justus an, bald sah er in die Nacht hinaus. Dann brach er das Schweigen mit der Frage: »Seid ihr beweibt, Herr Schulmeister?« »Das Bedenken, das in eurer Frage liegt,« sagte Justus, »kann ich errathen, und will's schnell heben. Ja, der liebe Gott hat mir ein Eheweib beschieden; aber meine Dorothe denkt wie ich: »Brich den Hungrigen dein Brod, und die, so im Elend sind, führe in dein Haus.« Sie wird weder scheel sehen, noch maulen, wenn ihr herein kommt. Auch seid ihr nicht der erste Fremde, der ein Obdach bei uns sucht; unser Dörfchen hat kein Wirthshaus.«

Der Fremde zögerte noch eine gute Weile; dann aber folgte er schweigend in's Schulhaus. Wie sie zur Stube eingingen und Dorothe sich von ihrem Sitze erhob, da sprach der Fremde einige Worte der Entschuldigung, aber Justus nahm schnell das Wort und sagte: »Dorothe, der Fremde hier wollte in unserer Kirche übernachten, ich habe ihn eingeladen, für diese Nacht Herberge bei uns zu nehmen.« »Das wolle Gott verhüten«, sprach freundlich Dorothe, »daß ihr eine Nacht in unserer Kirche zubringt, die könnte euer Tod sein. Seid vielmehr bei uns willkomm, Herr, und macht's euch bequem, ihr werdet müde sein und hungrig wohl auch, laßt mich euch einen Imbis bereiten!« »Nennt man denn einen Bettler, der in zerrissenen Kleidern kommt, einen Herrn?« sprach düster der Fremde. »Gute Frau, ihr thut mir zu viel Ehre an.« »Sprecht nicht von Ehre«, antwortete Dorothe freundlich, »bei uns zu Lande sieht man nicht auf' s Kleid, sondern in's Angesicht. Und ihr seid guter Leute Kind,

das merke ich an eurer Sprache, und an euren Augen sehe ich, daß ihr viel gelitten habt, und eben noch mehr leidet. Doch laßt mich jetzt euer Abendbrod bestellen.« Damit ging Dorothe zur Küche.

Wäre Dorothe nie in der Schule der Prüfung gewesen, hätte sie dann so reden können? Wie aus dem Schmelztiegel das lautere Gold hervorgeht, so fördert auch das Leid aus der Tiefe der Seele das lautere Gold zu Tage, das Gold der Gottes- und der Menschenliebe. In diesem Sinne sagt der Psalm: »Ehe ich gedemüthigt ward, irrete ich, nun aber halte ich dein Wort.«