Der Stein liegt tief, es hebt ihn Keiner
Aus eigner Kraft; es zeig' es ihm denn Einer,
Sein bester Freund, es geb' aus lauter Gnad'
Der Herr vom Himmel dazu seinen Rath.«
»Das Sprüchlein, das ihr da sagt, Herr Fleischhauer«, sprach Justus, »ist schön, und euer Vertrauen wäre werth, belohnt zu werden; aber ich kann euch in eurer Kunst keinen Rath geben, denn ich verstehe von allem dem, was ihr gesagt, kein Wort.«
»Kein Wort, mein lieber Herr Justus?« sprach der Goldmacher und blickte mit ungläubigem Lächeln seinen Gast an. »Kein Wort? Verstehe wohl, ihr wollt mich erst recht lüstern machen nach eurer Weisheit. Oder traut ihr mir vielleicht nicht recht, meint, ich schwatze aus der Schule. Kommt her, ich will euch zeigen, wie weit ich bin, damit
ihr Vertrauen zu mir gewinnt. Seht ihr den Tiegel da am Boden in zwei Stücke geborsten? Gestern laborirte ich, und so war ich lebe, zum ersten Male seit ich der Lebenstinctur nachtrachte, erschien der Löwe im Blut, Freund, ich sage, der Löwe im Blut; und wie ich mit klopfendem Herzen in den hellen Goldglanz hineinsehe und die Sonne aller Sonnen vor mir aufgeht, und wie ich laut ausrufe: Nun, fahr' hin, Fall, Hölle, Fluch, Tod, Drache, Thier, Schlange, — da springt der Tiegel, und als ein blau Flämmlein steigt der Stein in Rauch auf, und roch süß wie Veilchenduft. Nun muß ich wieder anfangen. Helft mir dabei, daß meine Mühe sich eher lohne.«
»Ich euch helfen, Herr Fleischhauer«, antwortete überrascht Justus, »ich kann's wahrlich nicht. Diesmal habt ihr euer Vertrauen einem Unwürdigen geschenkt. Ich kenne euren Stein der Weisen nicht, und weiß nicht, wie er gehoben wird. Ich weiß nur von einem Stein der Weisen, von dem dort der Prophet sagt: »Siehe ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen köstlichen Eckstein, der wohl gegründet ist.« An dem Stein nun hebe ich schon seit vielen Jahren, und er ist mir köstlich erschienen bis dahin, und seine Last ist mir leicht, und er soll einst mein Grabstein werden, mit dem Sprüchlein darauf: »Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn.«
»Aber«, hub der Fleischhauer halb ängstlich und halb trotzig an, »wie könnt ihr euch denn den Kalendermann nennen und als Astrologus gelten wollen, wenn ihr die göttliche Alchemia nicht kennen wollt? Sind nicht beide Wissenschaften mit einander verschwistert, ja vermählt, wie wir sagen?«
»Die mich den Kalendermann nennen«, sprach ernst
der Schulmeister, »die mögen's mit ihrem Gewissen ausmachen, warum sie mir mein Spielzeug wie eine Ruthe auf den Rücken binden; aber die Astrologia habe ich in meinem Leben nicht getrieben, eben so wenig wie die Goldmacherei. Als ich anfing, die Milch der Sternwissenschaft zu kosten, da ist mir wohl auch eine und die andere Schrift in die Hände gefallen, darinnen von namhaften Männern gesagt war, die Sterne hätten Einfluß auf des Menschen Leben und Sterben. Aber mir schien solch' Dichten eitel Fürwitz und ein Raub an Gottes Ehr' und Macht, und ich ließ ab von solch' eitlen Fragen.«
Auf dieß Wort ließ auch der Fleischhauer von dem Justus ab, aber in seinem Herzen blieb dennoch die Meinung, der Schulmeister wisse mehr, als er sagen wolle.
Der aber ging voll Angst und Grauen von dem Versucher weg, und ward keineswegs froh darüber, als ihm an der Thüre der Rathhausdiener begegnete, und lächelnd sprach: »Nun Schulmeister, ihr hier beim Fleischhauer? Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu, und Gleich und Gleich gesellt sich gern. Seid aber doch auf eurer Hut; der Rath hat längst ein Aug' auf die Eule da drinnen, und auf alle die, so hier aus- und eingehen.« Und als Justus ihm erzählte, wie er zu dem Besuch gekommen, da sagte der Rathhausdiener: »Will's glauben als euer guter Freund; aber vergeßt nicht das Wörtlein: Mitgefangen, mitgehangen!« —