Aber der Rathhausdiener war des Justus guter Freund nicht, wie er versicherte; er hatte nichts Eiligeres zu thun, als dem Rath Anzeige zu machen: auch der Schulmeister vom Veitsberg sei in's Haus des Fleischhauers gegangen und geraume Zeit drinnen geblieben. Nun muß man wissen, daß der Rath seinem Diener den

Auftrag gegeben hatte, ein wachsames Auge auf den Fleischhauer zu haben und auf Alle, welche bei ihm aus- und eingingen, weil seit einiger Zeit eine Schatzgräberbande in der Umgegend ihr Wesen trieb, mit welcher der Fleischhauer sonder Zweifel in Verbindung stand. Als nun bald darauf der Superintendent von Gießen nach Grünberg kam, so gab man ihm den Justus als Einen an, der mit verdächtigen Leuten Umgang habe, und von dem überhaupt allerlei sonderbares Gerede im Schwange gehe.

Auch dauerte es nicht lange, so wurde er nach Gießen vorbeschieden, und ihm vor versammeltem Consistorium eröffnet: »Wie man ihm vor Jahren den Schuldienst zum Veitsberg anvertraut aus besonderer Gnade und in Rücksicht auf höhere Fürsprache, obgleich ihm schon damals kein sonderlicher Ruf vorangegangen sei. Wie man sich aber nunmehro in dem auf ihn gesetzten Vertrauen sehr getäuscht habe, weil ihm für's Erste Schuld gegeben werde, er habe Umgang mit einem der Zauberei verdächtigen Manne in der Stadt Grünberg. Für's Zweite, so treibe er Allotria, sehe nach den Sternen und schreibe Kalender, was Alles für einen Schulmeister nutzlose, ja gefährliche Beschäftigungen seien. Zum Dritten, so tractire er in seiner Schule Dinge, die gar nicht hinein gehörten, lehre die Rechenkunst in Versen und pfropfe in die Köpfe der Schuljugend allerlei, davon sie nie Gebrauch machen könne, dadurch nur die edle Zeit verdorben und das Wort Gottes nicht gehörig getrieben werden könne. Zum Vierten, so habe man von einem zuverlässigen Manne gehört, wie er, Justus, allerlei verlaufenes Gesindel in seinem Hause beherberge, ohne nach Herkunft und Namen zu fragen, auch schon seit etlichen Jahren ein fremdes Kind in seinem Hause erziehe, das ihm bei Nacht

und Nebel gebracht worden sei, obgleich er selbst wisse, wie wenig es sich für einen christlichen Schulmeister schicke, solche Findlinge aufzunehmen.« Ueber diese vier Punkte solle er sich nun protocollariter erklären und der Wahrheit die Ehre gehen.

»Das habe ich denn auch gethan«, erzählt er selbst, »in aller Demuth, wie es mir geziemte, weil ich wohl sah, daß meine Herrn Vorgesetzten waren irre geleitet worden. Ich hab' mit kurzen Worten Zeugniß von meinem Wandel abgelegt und Rechenschaft gegeben von meinem Amte, auch nichts verschwiegen, was einen Flecken auf mein liebes Pflegekind hätte werfen können; hab' aber zum Schluß auch erklärt, daß ich meinen Ankläger wohl kenne und bereit sei, von ihm ein Zeugniß abzulegen, das nicht zu seinen Gunsten ausfallen dürfte. Doch das hat man nicht hören wollen, und bin also mit dem Bedeuten entlassen worden, hinfüro wohl Acht zu haben, daß ich vor Gott und Menschen ein gut Gerücht behalte.« »So ist denn durch Gottes Gnade abermal eine Prüfung an mir vorübergegangen, und sage zum Schluß mit Paulo: »Ich bin mir wohl nichts bewußt; aber darinnen bin ich nicht gerechtfertiget; der Herr ist es aber, der mich richtet.«


»Also der Höllenbrand, der Gerst, schiert noch am Feuer eurer zeitlichen Trübsal!« rief voll Unwillen die alte Lindin aus, als Justus nach dieser schweren Stunde sie besuchte. Krank und müde von Alter lag die Alte in ihrem Bette, aber ihre Stimme war laut und ihr Auge noch voll Feuer. »Ich glaubte den Menschen niedergetreten zu haben wie einen Wurm, denn er krümmte sich unter meinen Füßen«, rief sie, »aber er lebt wieder, und

ist dieselbe alte Schlange, ja giftiger, denn zuvor. Denkt nur, der Unglücksmensch wagte sich sogar an mich alt Weibsbild, und suchte mich da und dort bei meinen Gönnern und Freunden zu verfuchsschwänzen. Aber warte, dacht' ich, du kennst die alte Lindin vom Tiefenweg schlecht. Ich ließ mein Maul zum Schwert werden, und mein' ich denn, das Schwert hat geschnitten. Sag' meinetwegen, du Lotterbube, ich sei ein alt, bös Weibsbild; kannst Recht haben und mein Heiland muß Geduld mit mir haben, wenn's zum Himmel mit mir eingeht; aber der muß noch kommen, der mir nachsagt, die alte Lindin habe je einen Pfennig veruntreut oder einen Bissen unverdienten Brods gegessen. — Geht getrost heim, Herr Justus, und fürchtet euch nicht, der starke und eifrige Gott, dem ihr gedienet von Kind auf, der lebt noch und wird bei euch sein, der Wagen Gottes viel tausend mal tausend um euch her. Eilt heim, sag' ich, Justus, damit die Euren sich nicht euretwegen bresten; grüßt Weib und Kind von mir, und nehmt meinem Herzblatt, der Selma, dieß Kreuzlein von Bernstein mit, daß sie mein dabei gedenke und dessen, der sein Blut am Kreuz vergossen hat für uns arme Sünder. Der hat noch viel bösere Widersacher gehabt, denn ihr, und hat sie doch überwunden. — So wahr Gott lebt und seine Verheißung Ja und Amen ist, der Gerst kommt noch zu euch wie einst Judas, der Verräther, mit dem Bekenntniß: »Ich habe übel gethan, daß ich unschuldig Blut verrathen habe.«


14. Die Versuchung.