Jahre sind indessen hingegangen, und um die Pfingstzeit, die so lieblich ist auf diesen Bergen, kehren wir wieder einmal ein im Hause des Schulmeister Justus. Noch finden wir die lieben Menschen alle vereint, aber doch ist's nicht ganz wie ehemals. Die Kinder sind herangewachsen: Heinrich zu einem stattlichen Burschen, die Töchter zu blühenden Mädchen, und still und in sich gekehrt sitzt Selma in einer Ecke der Stube, und auf ihre Bibel, in der sie lies't, fallen von Zeit zu Zeit Thränen. Sie weiß selber nicht, wie ihr geschieht. Es ist morgen der Tag ihrer Confirmation. Die Gespielinnen suchen Blumen und schmücken die Kirche, und freuen sich des Tages, der ihrer wartet, und haben die Freundin eingeladen, Theil an ihrer Freude zu nehmen. Aber Selma hat keinen Sinn mehr für die Blumen, die sonst ihre Lieblinge gewesen, und sie denkt des morgenden Tages nicht mit Sehnsucht, nur mit Angst, denn ein schwerer Kummer lastet auf ihrem Herzen. Und der Kummer hat Alle weich gemacht, Aeltern und Geschwister zugleich.
Denn wie sie heute aus der Beichte gekommen, da hat Mutter Dorothe sie allein genommen, und hat ihr Alles erzählt, was sie noch nicht gewußt, hat ihr Vater und Mutter genannt, und ihren eignen Namen, den sie noch nicht gekannt, und hat ihr Taufschein und Angedenken ihrer Mutter gegeben, und unter viel Thränen zu ihr gesprochen: »Liebe Selma, wir haben lange mit uns gekämpft, ob wir dir sagen sollten, du seiest nicht unser Kind, oder ob wir dich in deinem Glauben lassen sollten. Denn mein Herz wollte mir springen bei dem Gedanken, du möchtest uns fremder werden, und kein Genügen mehr
bei uns finden, wenn du wüßtest, daß du fremder, reicher Leute Kind seiest. Aber Justus meinte, jetzt oder nie sei die Zeit gekommen, wo du solche Nachrichten hören könntest. Du sollst unser bleiben, unser liebes Kind, wie du bisher gewesen bist, so lange es Gott gefällt, dich uns zu erhalten; aber es könnte ja sein Wille sein, daß deine Aeltern bald kämen, und dich von uns nehmen wollten, und dann wäre dein Herz vielleicht weniger zum Abschied gefaßt, wie jetzt, wo du Alles weißt.«
Ob dieser Rede war es dem Mädchen schaurig zu Muthe geworden; es war der Mutter unter lautem Weinen um den Hals gefallen, und hatte einmal über das andere Mal gefragt: »Nicht wahr, Mutter, du scherzest nur mit mir, du bist mein und ich bin dein?« Wie aber Justus auch dazu gekommen, und ihr voll Ernst und Rührung dasselbe gesagt hatte, da war sie in sich zusammengesunken, und saß nun still weinend mit der Bibel in der Hand da, und Niemand wagte sie zu stören, denn Alle wußten, daß ihr Herz betete zu dem Vater der Waisen um Trost und Stärke. Wie denn der Pfingstmorgen kam, wie das Geläute der Glocken von allen Dörfern im Thal heraufschallte, wie die Nachtmahlskinder, mit Blumen geschmückt, und von ihren Aeltern geleitet, dem Berg heraufschritten zur Kirche, da hing Selma blaß wie eine Leiche und mit zitternden Händen das goldene Kreuz ihrer Mutter um den Hals, und wer sie sah, der konnte sich der Thränen nicht enthalten, dem erschien sie wie eine Einsame, Unbekannte, Verbannte, Heimathlose mitten unter Glücklichen und Liebenden. Wie aber das Fest vorüber war, da war auch Selma wie verwandelt. Sie nahm das Kreuz wieder von ihrem Halse ab, legte es in die Hand Dorothea's und sprach: »Mutter, ich bin und bleibe
euer, laßt mich euren Namen führen auch forthin. Ich begehre nichts, als euer Kind zu sein, denn das bin ich ja, da ihr mich aufgezogen habt in der Zucht und Vermahnung zum Herrn, bis auf diesen Tag.«
Und es war Freude im Hause des Schulmeisters, und das Pfingstfest ward Allen, die drinnen waren, ein Fest des heiligen Geistes.
Ich sagte vorhin: Es waren Jahre hingegangen, und es war nicht ganz wie ehemals im Schulhause auf dem Veitsberg, die Kinder wuchsen heran, und waren gut geartet, aber Nahrungssorge war eingezogen. Die Besoldung reichte nicht hin zum Unterhalt und zur Kleidung, und Justus mußte, so schmerzlich es ihm war, mehrere Nebenämtchen übernehmen, deren eines, das Amt eines Universitätsförsters, ihm vielen Verdruß bereitete. Es stößt an den Veitsberg ein Wald, der der Universität Gießen gehört, und über diesen übernahm Justus die Aufsicht. That er nun, was seines Dienstes war, hielt er Ordnung im Walde und brachte die Frevler zur Anzeige, so wurden ihm diese gram, und spotteten seiner, wie er als Schulmeister ein Förster sein könne und legten es ihm als Habsucht aus, obgleich die Noth ihn nur dazu zwang. Dazu kam noch die Sorge um sein Weib; denn Dorothe kränkelte beständig, und konnte nicht wie ehemals Tag und Nacht für der Familie Unterhalt arbeiten. Und obgleich die Töchter rüstig Hand anlegten, und keiner Arbeit sich schämten, so wollt' es doch nirgends ausreichen. Die Zeiten waren böse.
Die beständigen Kriege im deutschen Land, die vielen Mißerndten verteuerten die Lebensmittel, und drückten
den Landbewohner sehr. Und gerade in dieser Zeit sollte Heinrich sich für seinen künftigen Beruf bilden. Sein Vater hatte treulich für Herz und Geist gesorgt, und ihm viel Gottesfurcht und Wissen mitgegeben; aber so sehr auch Alle sparten, daß der Jüngling zur Schule oder zur Lehre hätte abgehen können, nirgends wollte sich auch nur das Nothdürftigste zurücklegen lassen. Viele in und um Gießen, an die sich der bekümmerte Vater wandte, vertrösteten ihn von einer Zeit zur andern; und nicht Wenige wiesen ihn ganz ab mit dem Bemerken, er sollte den Jungen zu einem Handwerker in die Lehre thun; man brauche auch kluge Leute in diesem Stande.