Im Hause des Justus ward nichts von dem Todten gesprochen, kein Wort des Tadels oder der Freude über sein Ende, sondern Justus sprach, als er die Kunde von seinem Abscheiden erhielt: »Gedenke seiner, Herr, nach deiner Barmherzigkeit.« So schien auch hier sein Andenken für immer erloschen. Aber es ward bald neu aufgefrischt. Von mehreren Seiten ward dem Justus gemeldet, wie man in Erfahrung gebracht, so habe der Rath Gerst die Dorothe Justus, geborne Kunz, mit einer bedeutenden Summe in seinem Testamente bedacht; und so um die Heuerndte hin geschah eine förmliche Aufforderung an Dorothe von Seiten des Sachwalters des Verstorbenen, der Eröffnung des Testaments beizuwohnen.
Als Stellvertreter seines Weibes erschien Justus am bestimmten Tage in der Wohnung des Verstorbenen. Lachende Erben, größtenteils arme Leute, waren aus der Ferne gekommen, und sahen gespannt dem entscheidenden Augenblick entgegen. Auch Leute aus der Stadt, die mit dem Gerst in Verkehr gestanden, oder in seinen Diensten gewesen waren, hatten sich eingefunden. Zuletzt drängte sich noch ein Weib herein, blaß und in ärmlicher Kleidung. Sie führte ein Kind an der Hand, und eins trug sie auf dem Arm. Man wußte nicht, wo sie herkam, noch welche Ansprüche sie an den Verstorbenen habe.
Das Testament wurde den Anwesenden als unverletzt gezeigt und dann geöffnet. Es war von neuem Datum, und von dem Verstorbenen an die Stelle eines ältern gesetzt worden, das damit seine Gültigkeit verloren hatte. Die Verwandten waren in demselben mit kleinen Sum
men bedacht, und an ihren Gesichtern sah man deutlich die Täuschung. Auch seine Dienstboten, namentlich der Knecht, der ihm zuletzt gedient und jenen Unfall mit ihm erlitten hatte, erhielt einen anständigen Jahrgehalt. Alles Uebrige, eine sehr bedeutende Summe, war zwischen Justus Ehefrau und einem gewissen Felix Fleck, Sohn von Johannes Fleck, den Keiner der Anwesenden kannte, getheilt.
Wer der Felix Fleck gewesen sei, darüber hat man nie etwas Zuverlässiges erfahren. Viele hielten ihn für einen natürlichen Sohn des Verstorbenen. Der Felix Fleck kam und nahm, da seine Papiere in Ordnung waren, später die Erbschaft ohne Widerrede in Empfang.
Das Testament war verlesen, und Stille herrschte im Gemach; Jeder gab sich seinen Betrachtungen hin; Keiner schien ganz befriedigt. Da trat mit tiefer Blässe auf dem Angesicht das Weib mit den beiden Kindern vor den Tisch des Richters, wollte reden, aber die Zunge versagte ihr den Dienst. Unter großer Anstrengung fragte sie endlich den Richter, ob kein Nachtrag zum Testamente vorhanden sei? Als das verneint wurde, bedeckte sie mit beiden Händen das Angesicht, und weinte laut und rief: »Kann auch ein Mensch so grausam sein, daß er sein eigen Fleisch und Blut vergesse und verläugne! Doch, was klag' ich, und wer erbarmt sich mein! Kommt, meine Kinder, ihr sollt nicht wissen, wer euer Vater war!«
Damit wollte sie zur Thüre hinaus. Aber Justus faßte sie freundlich bei der Hand, trat zum Tische des Richters, und sprach mit lauter Stimme: »Das Geld, das nach dem Willen des Rath Gerst meiner Frau, Dorothea, gebornen Kunz, vermacht ward, gehört von Gott und Rechtswegen ihr. Warum? das wußte der Verstor
bene und ich weiß es auch, aber Niemand soll's erfahren. Ehe ich herging, gab mir mein Weib Vollmacht, mit der Erbschaft zu thun, was ich für recht erkennen würde; »in meine Hände«, sprach sie, »soll kein Pfennig kommen von diesem Gelde, denn es ist unrein durch Blut und Thränen.« Hier steht des Gerst Weib, und da sind seine Kinder; nehmt denn, Herr Richter, Folgendes von mir zu Protokoll: »Ich Jakob Konrad Justus, Schulmeister zum Veitsberg, erkläre kraft und in Vollmacht meines Eheweibes, Dorothea, geborener Kunz, daß ich auf die Erbschaft des Rath Gerst zu Gunsten seiner natürlichen Kinder verzichte. So wahr mir Gott helfe!« »Und hier meine Unterschrift.« —
Da lief ein Murmeln des Beifalls durch die Versammlung, und das Weib fiel auf ihre Knie und pries Gott mit lauter Stimme. Und wie sich Justus leise aus der Stube entfernen wollte, da erhob sich ein Advokat, der dem Richter zur Seite gesessen hatte, ging ihm nach, und drückte ihm die Hand; und von dem Tage an wurden Beide die innigsten Freunde. Und der Advokat war mein Großvater, und ist nun schon an sechsundsechzig Jahre todt. In seinen Händen war ein Theil der Papiere des Kalendermanns, und von ihm stammen die Erzählungen, die ich, in diesen bunten Strauß gebunden, dir, mein lieber Leser, reiche. Mein Großvater pflegte zu sagen, so oft er von ihm sprach: »Arm wird der Justus bleiben bis an sein selig Ende; und doch ist er der glücklichste Mensch, den ich kenne; er ist reich in Gott.«
Noch eine freudige Ueberraschung war heute dem Justus vorbehalten, ehe er heimging. Wie er in ein Gäßlein einbog, kam ihm sein alter Freund, der Corporal Scheuermann, entgegen; aber nicht mehr die kräftige