Soldatengestalt von ehemals; das Gesicht war hager, das Haar gebleicht und der Nacken gekrümmt. »Es ist vorüber mit meinem Dienst«, sprach er, als er dem Schulmeister kräftig die Hand geschüttelt hatte, »ich fühl's, es ist vorüber hier unten, und der liebe Gott wird mich bald in ein ander Regiment versetzen. Da wart' ich denn täglich auf meinen Abschied, und gibt mir mein gnädiger Herr noch ein Geringes an Gnadengehalt dazu, so ist Alles erfüllt, was ich wünsche. Doch ja, ich wünsche noch Eins, Herr Justus, und hab' bisher oft daran gedacht; könnt ihr mir nicht ein Plätzchen gönnen auf eurem Veitsberg? So lang ich einen Justus hatte, mit dem ich reden konnte, war mein Herz allezeit guter Dinge; jetzt, wo ich alt bin, möcht' ich das Labsal nicht entbehren. Hat Dorothe den alten Scheuermann noch lieb, wie er sie lieb hat, so wird sie ihm ja ein Plätzchen am Ofen gönnen, bis man ihn zur Ruhe legt. Sagt ja, Herr Justus! Es will Abend werden und mein Tag hat sich geneigt, und ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein. Aber ich möchte, daß ich unter Gottes Wort einschliefe, und fromme Hände mir die Augen zudrückten. Da hab' ich freilich meine Verwandten im Vogelsberg, aber die herzen mich nicht. Die sehen lüstern nach dem Wenigen, das ich noch habe, und gönnen mir das Bischen Leben nicht.«
»So langer Rede hätte es nicht bedurft, Scheuermann«, sprach herzlich der Schulmeister; »kommt nur, sobald ihr den Abschied habt; Haus und Brod wollen wir mit euch theilen, und ein traulich Wort und ein freundlich Gesicht soll euch nicht fehlen.«
Da wischte sich der alte Corporal die Augen, und mit herzlichem Händedruck schieden die alten Freunde.
17. Es wird Licht.
So war wieder ein Herbst gekommen. Die Erndte von Acker und Baum war eingethan und der Gallmarkt, dieß liebe Fest für Grünberg und seine Umgebung rings umher, war abgehalten und die Vögel rüsteten sich zum Flug in wärmere Länder.
Der Corporal Scheuermann war mit ehrenvollem Abschied und mit einem kleinen Gnadengehalt zur Ruhe gesetzt worden. Jetzt zog er ein auf dem Veitsberg, und mit ihm die Erinnerung an die alte Zeit, trotz ihrer Sorgen und Mühen von ihm nur »die gute alte Zeit« genannt. Da saßen sie denn zusammen, die alten Freunde; da ward das traute Dämmerstündchen mit mancher alten Erinnerung ausgefüllt, da ward manch' alt Histörchen wieder aufgewärmt, das aus des Corporals Munde allezeit mit »es war in den dreißiger Jahren« begann, und von dem Justus und den Seinen mit großer Geduld angehört. Und einen willigen Hörer fand Justus für seine Sternwissenschaft und Kalenderkunst in dem Alten. Er schaute mit ihm hinauf zu den Sternen, den ewigen Zeugen der Macht und Freundlichkeit Gottes; er ließ sich die Bahnen der einzelnen Himmelskörper beschreiben, und staunte darob; er sprach mit voll Glauben und Hoffnung, wenn des Heilands Spruch bedacht ward: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen«, und Schauer der Nähe Gottes und Zeugnisse seines Geistes gab's genug im stillen Schulhaus zum Veitsberg.
Einst an einem Abend saßen sie auch so traulich zusammen; da trat ein Nachbar ein, bot freundlich einen guten Abend und sagte: »Schulmeister, heute krieg' ich gewiß ein freundlich Gesicht von euch, denn ich bringe
einen Brief, der sonder Zweifel von eurem Heinrich kommt, und den ihr gern auslösen werdet, so theuer er auch ist. Der Postreiter gab ihn mir heute in Grünberg, und ich hab' ihn mit dreißig Albus müssen loskaufen.«
»Ja, ein Brief von Heinrich«, rief der Schulmeister aus, als er die Aufschrift las: »Gott Lob, so lebt er noch. Und wie schwer und wie groß ist der Brief, da muß viel drinnen stehen. Bleibt, Nachbar, ihr sollt auch erfahren, was Heinrich schreibt, und mögt, so es euch gefällt, die Abendsuppe mit uns essen.«