Und der Brief ward geöffnet, und die Zeit der Abendsuppe kam und ging vorüber, und der Wächter rief die Mitternachtsstunde ab, und noch saßen sie zusammen, der Schulmeister und sein Weib, der Corporal und der Nachbar und Selma, denn die ging der Brief besonders an; sie saßen da, ergriffen und weinend, von Hoffnung und Furcht erfüllt, und Eins nach dem Andern fragte, und fragte wieder, und gab Rath; denn der Brief war ein schöner, ernster Brief.

»Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt!« rief der Schulmeister tief gerührt. »Wie doch dem Vater- und Mutterherzen ein solch' Wort aus Kindesmund so wohl thut! Glaub' dir's, du treue Kindesseele, daß dein Herz daheim ist bei Vater und Mutter, und daß du täglich betest für der Schwestern Wohl! Glaub' dir's, daß du einen Sparpfennig sammelst für uns daheim, zu vergelten die Wohlthat! Und Selma du, was sagst du zu dem, das der Brief erzählt? Dir gibt er Hoffnung, Vater und Mutter wieder zu finden, freust du dich darüber?« Aber Selma antwortete nicht; ihr war zum Sterben wehe. Alles, was seit Jahren in ihr gelegen von Furcht und Hoffnung, was sie oft gewaltsam zurück

gedrängt, wonach sie sich gesehnt und wovor sie sich doch gefürchtet, das war nun mit einem Male ihr nahe getreten, und es brachte nicht Freude, nein, neuen Schmerz.

Aber was stand denn in dem Briefe? — Aus einer Stadt am Rhein, wo er Arbeit und Brod gefunden, hatte Heinrich zum letzten Male geschrieben; das war um Ostern hin gewesen. Da hatte er erzählt, wie ihn der liebe Gott bis dahin gut geführt; wie er überall gute Menschen gefunden, und wenig Hunger bis dahin gelitten; wie er sich etwas Geld gespart, um damit nach Holland zu reisen, und den Onkel aufzusuchen, und über Selma's Aeltern sich zu erkundigen.

Es war aber Holland damals, was jetzt Amerika ist, das Land der Hoffnung für Jeden, dem es daheim nicht gefiel, und der sein Glück in der Fremde suchen wollte. Denn reich war damals Holland noch; es hatte viel Schiffe auf dem Meere gehen, und brauchte viel fremde Hände, und die ihm dienten, die bezahlte es gut, und hatte namentlich die Deutschen gerne als Soldaten und Handlungsdiener und Dienstboten. Nach diesem Holland stand auch Heinrich's Sinn. In diesem Lande war ja der Pathe und hatte es gut dort; von diesem Lande, seinem Reichthum, seiner Sauberkeit, seinen Schiffen und Kanälen hatte der Vater ihm so viel erzählt, und in diesem Lande sollten auch die Aeltern Selma's wohnen, und zwar in der Stadt Delft, die er sich genau gemerkt hatte, sowie nicht minder den Namen von Selma's Vater. Einzelne Andeutungen hatte zwar immer nur Justus davon gegeben, und liebte es um Selma's willen nicht, viel darüber zu reden; aber dem aufmerksamen Knaben war das Wenige nicht entgangen, und er beschloß, es zu nützen. Auch hatte er in seinem letzten Briefe keinen

Hehl daraus gemacht, und Selma war damals schon nachdenklich darüber geworden. Was sie aber jetzt hörte, wie mußte sie das ergreifen!

Heinrich war geraden Weges nach Delft gereist, hatte sich dort erkundigt nach dem Kaufmann van der Bruck, und sein Haus sich bezeichnen lassen. Er war hineingegangen und hatte gefragt, ob man keinen Menschen seines Alters und seiner Geschicklichkeit brauchen könne, und war in die Schreibstube gewiesen worden zum obersten Buchhalter. Der war ein altes, dürres Männchen, mit schneeweißem Haar, und einer großen Brille auf der Nase, und saß gesondert von den übrigen Schreibern, hinter einem Gitterverschlag auf erhöhtem Sitze, von wo er die ganze Stube übersehen konnte. Heinrich trug in gebrochenem Holländisch, denn er war der Sprache noch nicht mächtig, sein Gesuch vor. Der Buchhalter warf einen schnellen Blick auf ihn, und schrieb dann weiter. Etwa nach einer Viertelstunde, die unserm Heinrich lang wie ein Tag vorkam, drehte er sich langsam um, betrachtete den Jüngling von oben bis unten, und sagte dann in gutem Deutsch: »Man wünscht bei van der Bruck in Dienste zu treten?«

»Ja!«

»Hat man sich schon anderswo im Handel umgesehen?«

»Nein!«