Nach Verlauf von abermals vier Wochen kam der Buchhalter in's Gewölbe, und hatte eine Schiefertafel in seiner Hand. »Da«, sagte er, »wenn man sich auf's Rechnen versteht, so löse man dieß Exempel.« Heinrich löste es mit großer Schnelligkeit, denn auf die edle Rechenkunst hatte sein Vater viel Fleiß gewendet. »Man löse diese schwerere Aufgabe«, sagte der Buchhalter, und hielt abermals die Tafel hin. »Das hat er gut gemacht«, sprach ernst der Buchhalter, als er die Aufgabe geprüft hatte.
»Nun schreib er in zehen Minuten einen Brief nach Amsterdam an das Handlungshaus Heeren und Comp., und zeig' er an, daß die verlangten Waaren abgegangen seien.« Mit der Uhr in der Hand stand der Buchhalter neben dem Jüngling; nahm dann den Brief in Empfang, durchsah ihn und sagte: »Man gehe hinein, und setze sich rechter Hand an den ersten Pult; man ist von heute an Schreiber mit unbestimmtem Gehalt.«
So war denn Heinrich Schreiber im Hause des Herrn van der Bruck zu Delft; aber dem eigentlichen Zweck seines Hierseins war er in zwei Monaten um keinen Schritt näher gekommen. Seinen Herrn hatte er noch mit keinem Auge gesehen; der wohnte in einem Hause, das im Hintergrunde eines großen Gartens lag, der das Kaufhaus nebst den dazu gehörigen Gewölben und Speichern von der Herrnwohnung schied. Der Buchhalter holte Morgens die Befehle bei dem »alten Herrn«, wie er genannt wurde, und von einem jungen Herrn war durchaus keine Rede. Auch war jede Stunde im Tag so eingeteilt und mußte so benutzt werden, daß zu Fragen und Erkundigungen wenig Zeit übrig blieb. Schweigend verrichteten alle Hausgenossen ihre Arbeit; Ordnung wurde in Allem, im Schlafen, im Ruhen, in der Arbeit, wie in der Erholung gehalten, strenge Ordnung, und wer sich dieser nicht unterwerfen wollte, der ward seines Dienstes entlassen. Dem Buchhalter zu Gefallen leben, war nicht leicht.
Doch Einer war im Hause, von dem Heinrich sich Aufschluß versprach über alle Fragen, die ihm je länger je mehr das Herz beschwerten; das war der alte Kammerdiener seines Herrn, ein Deutscher von Geburt, mit Namen Siegmund. Der Mann hatte ein so Zutrauen erweckendes Ansehen, und grüßte unsern Heinrich so freundlich,
wenn er ihm begegnete, und hatte selbst schon einmal ein kurzes, aber herzliches Gespräch mit ihm geführt.
Einst an einem Sonntag Morgen traf Heinrich den Alten, wie er mit einem Gebetbuch in der Hand in einer Hütte des großen Gartens saß. Der Jüngling wollte sich schweigend zurückziehen, aber der Alte winkte ihm, und sie redeten mit einander wie Landsleute thun, von Vaterland und vom Glauben der Väter, und der Alte gewann den Heinrich lieb, und lud ihn zu sich auf den Abend in seine Stube im Herrnhaus.
Wie erstaunte Heinrich, als er am Abend in die Nähe desselben kam. Das Haus lag mitten in einem Meere von Blumen, auf zierlichen Ländchen mit Buxbaum eingefaßt, und mit wunderbarer Kunst gepflanzt. Das Auge konnte sich nicht satt sehen an der Farbenpracht der Tulpen, und die Luft war rings erfüllt von dem Wohlgeruch der Hyacinthen. Das Wasser eines Springbrunnens fiel in verschiedenen Strahlen in einen Teich, aus Marmor gehauen, in welchem Goldfischchen schwammen; und über den Rand des Teiches bogen sich wieder Blumen herab, gleich als wollten sie sich in dem klaren Wasser beschauen. Das Gebüsch zu beiden Seiten der Blumenbeete war mit einem Drahtgitter umzogen und überbaut, und Vögel aller Art, zum Theil aus fremden Ländern, mit buntem, glänzendem Gefieder, trieben da ihr Wesen, und erfüllten die Luft mit ihren Gesängen.
Hoch erstaunt über all' diese Pracht, die er bis dahin noch nicht gekannt hatte, trat Heinrich in's Stübchen des Alten. Das war nett und freundlich, und von einer Reinlichkeit, als hauste nicht ein alter Junggeselle, sondern ein Mägdlein drinnen. »Wie muß unser Herr sich so glücklich fühlen«, sprach Heinrich, »daß er dieß Alles sein nennen
kann! Solche Pracht habe ich nicht für möglich gehalten!« »Ja reich ist unser Herr«, gab Siegmund zur Antwort, »reicher als man weiß und glaubt, aber glücklich ist er eben nicht. Es gilt auch hier, was dort geschrieben steht: »Es ist Mancher arm bei großem Gut, und Mancher reich in seiner Armuth.« »Aber was fehlt ihm denn, und warum ist er nicht glücklich?« fragte neugierig Heinrich. »Seid, wie ich, erst einmal ein Viertel Jahrhundert in einem und demselben Hause, mein Sohn«, sprach der Alte, »dann seht ihr, wo eure Herrschaft der Schuh drückt; aber dann lernt ihr auch schweigen, und eurer Herrschaft schwache Seiten vor Fremden verbergen.«
»Ich will euch kein Geheimniß ablocken, Vater Siegmund«, sagte bescheiden Heinrich, »sondern ich suchte eure Bekanntschaft, um euch selbst eins zu vertrauen. Hört denn!«