In einer Chaise fuhren sie vor dem Schulhause an. Selma, bekümmert über des Vaters ungewöhnliche Vorladung vor das Amt, war die Erste, die aus dem Hause eilte, die mit offnen Armen dem Vater entgegeneilte, die, unbekümmert um den Fremden, sich teilnehmend nach der Ursache der Vorladung erkundigte. Wie aber der fremde Mann vor sie hintrat, wie er sich ehrerbietig vor ihr bückte, wie er ihre Hand ergriff und sie küßte, wie er sie zum ersten Male mit ihrem Namen Selma van der Bruck benannte, wie er ihr sagte, daß er gesandt sei von ihrem Großvater, sie, die sehnsüchtig gewünschte Enkelin, in das Haus der Väter einzuführen; — da stand Selma vor ihm, ein Bild der Verlegenheit und der Angst stand vor ihm, das einfache Landmädchen in der dürftigen Kleidung, so sittig und kindlich, daß dem alten Manne die Augen vor Wehmuth übergingen. Und wie dann Dorothe kam, und, von dem Gefühl der nahen Tren
nung ergriffen, das Mädchen an sich drückte, und Selma mit scheuem Blick auf den Fremden sich inniger an Dorothe anschmiegte; da rief der Fremde: »O Gott, gib, daß ich dieß Kind nicht in's Haus des Jammers führe aus dem Haus des Friedens!«
Und die Zeit der Trennung kam, kam für Alle zu früh, selbst für den Holländer, dem es so wohl geworden war unter den guten Menschen, daß er wiederholt sagte: »Kommt mit mir nach Holland, Herr Schulmeister; ihr seid mir lieb geworden wie ein Bruder; ich möchte mit euch leben und eures Umgangs mich freuen.« Darauf aber sagte Justus nur: »Laßt uns Freunde sein auch in der Ferne und für einander beten. Ich bin ein alter, knorriger Baum, dem thut das Versetzen nicht mehr wohl. Hier, wo ich gelebt und gelitten habe, will ich auch sterben.«
Am Tage vor der Abreise ging Selma von Haus zu Haus, Abschied zu nehmen; gab Jeder ihrer Gespielinnen ein Andenken, denn reichlich hatte sie ihr Großvater beschenken lassen; besuchte alle Plätze, die ihr lieb waren, Lenchen's Grab und ihren Stand in der Kirche, das Plätzchen unter den Kirschbäumen, von dem man weit hinaus in die Ferne sieht, und den Wald, in dem sie zur Sommerszeit geruht und Erdbeeren gesucht. Und wie denn die Stunde des Scheidens kam, da lag sie schweigend in den Armen der Aeltern und Geschwister, da konnte sie nichts rufen als »Dank, Dank euch Allen!« und fort ging's, der neuen Heimath, dem neuen Vaterhause zu.
19. Das Wiederfinden.
Wieder waren zwei Jahre hingegangen. Selma war in's Haus des Großvaters eingetreten, und das Herz des alten menschenfeindlichen Mannes war weich geworden in der Liebe für seine Enkelin. Nun saß er nicht mehr allein unter seinen Blumen und Vögeln, ein Armer, Verlassener in Reichthum und Ueberfluß; an seine Brust schmiegte sich das holde Mädchen und ihre Hände glätteten die Furchen auf seinem Angesicht. Und mit inniger Rührung blickten Lewin und Mora auf die Tochter, das feste Band ihrer Wiedervereinigung mit dem Vater. Alles war vergessen, das Leid der Jugend, der Groll des Vaters; die Prüfung war vorüber, die Herzen waren bewährt gefunden worden im langen Kampf, der Friede Gottes hatte sein Werk und seine Wohnung unter ihnen.
»Wie sind wir so glücklich jetzt, Vater«, sagte Lewin, »könnten wir nur den lohnen für seine Liebe und Treue an unserm Kinde, der fern von uns ist, den guten Justus und sein Weib. Er verschmäht Alles, Heimath und Obdach, die wir ihm bei uns angeboten haben; er verschmäht Geld und Gut, mit dem ich ihn reichlich versehen möchte, und nimmt nur die kleinen Gaben an, die ihm Selma schickt. Er schreibt: ›Von dem Kinde dürfe der Vater die Wohltat annehmen; aber Fremde dürften und könnten nicht lohnen, was die Liebe gethan.‹ Und so sehr mich das schmerzt, so hat Vater Justus Recht.«
»Ich weiß einen Weg zum Dank für unsern alten Freund«, antwortete sein Vater, »und gefällt er euch, so wollet ihn mit mir gehen. Er geht durch das Herz seines Kindes. Als ich neulich mit Heinrich von Vater und Mutter redete, da nannte er mir den Familiennamen seiner Mutter. Ich forschte
weiter, und erkannte in ihr meine Nichte, die Tochter meiner Schwester, die in Arnsberg in Westphalen an einen Kaufmann mit Namen Kunz verheirathet war. Ich habe, wie ihr wißt, den Familiennamen abgelegt, und den meines Schwiegervaters angenommen, als ich der Erbe des seligen van der Bruck ward. So ist dann Heinrich unser Vetter. Das Unrecht, das ich an der Schwerer that, daß ich mich nicht um sie kümmerte, das möcht' ich an ihrem Enkel wieder gut machen. Selma, du liebst Heinrich mehr und anders, denn die Schwester den Bruder; Heinrich, dein Auge ruht so lange schon liebend auf Selma, reicht euch denn die Hand zum Bund der Ehe, und der Herr, der mir vergeben wolle mein schweres Unrecht, um meiner Buße willen, und der euch so sichtlich geleitet und zusammengeführt, der wolle euren Bund segnen von Anfang bis zu Ende!«