Von dem Tage an flatterte die Fahne von Holland vom Hause der Herrn van der Bruck zu Delft, wie es dort zu Lande üblich ist, wenn eine Braut im Hause wohnt. Ein schöner Gebrauch, daß das Brautpaar unter den Farben des Vaterlandes die ersten Tage seiner Liebe feiert. Denn wie unter der Fahne Christi, so sollen Brautleute unter der Fahne des Vaterlandes sich froh fühlen; denn dem Vaterlande gehört der Bund ihrer Herzen; seine Früchte sind die Bürger des Landes und seine Tugenden des Landes schönster Schmuck.
Der Einwilligung der Aeltern daheim gewiß, hielt Heinrich schon nach einigen Wochen sein Hochzeitsfest. Haus und Garten des alten Herrn, in denen bis dahin nur schweigender Mißmuth geherrscht hatte, waren voll von fröhlichen Gästen. Heinrich und Selma und die Aeltern fanden sich zusammen am Marmorteich. An diesem
stillen Orte sahen sie lange dem Spielen der Goldfische im hellen Wasser zu, und manch' Wort der Liebe und des Preises Gottes redeten sie mit einander. Da nahte sich ein Fremder in ausländischer Tracht und mit gebräuntem Angesicht. Er blieb vor ihnen stehen, beugte das Haupte und sprach: »Vergönnt, edle Herrn und Frauen, daß auch ein ungebetener Gast heute bei euch einspricht, seinen Glückwunsch darzubringen!«
Van der Bruck sah dem Fremden forschend in's Auge, und rief dann überrascht: »Werden die Todten lebendig? Heinrich Justus, mein alter treuer Diener, seid ihr es?« »Ja, der bin ich«, rief der Fremde, »und zur guten Stunde bin ich zurückgekehrt. Ist das nicht meine edle Frau, und hier mein Pathe Heinrich, und hier Selma, das Kind der Sorge! Und ich sehe den Brautkranz in ihrem Haar; ich sehe Glück in allen Zügen und das Haus van der Bruck einig und froh! Dem Herrn sei Dank, lauter Dank für seine Treue!«
Da gab's viel Händedrücken und Fragen, aber Justus sprach: »Erlaßt mir heute noch die Schilderung meines bewegten Lebens; ich bin zu ergriffen von Allem, was ich heute sehe und hörte. Ich habe viel gelitten und bin lange ein Gefangener gewesen unter Seeräubern, bis ich frei ward, und auf fremdem Boden es zu einigem Wohlstand brachte. Jetzt war ich auf der Reise in's Vaterland zu meinem Bruder, um mich dort auszuruhen. Hier wollt' ich nur sehen, ob das Haus van der Bruck noch stehe. Und es steht noch und es blüht, und einen Justus sehe ich mit ihm vereint, das ist viel mehr, als ich zu hoffen wagte.«
Wie es Abend ward, da rief Lewin seinen alten Diener zur Seite und sprach: »Justus, wollt ihr mir noch einmal dienen, treu und willig, wie ihr sonst gethan?
« »Von Herzen gern«, war des alten Jägers Antwort. »So nehmt«, sprach Lewin, »dieses Päckchen Geld und bringt es einem alten Manne, der krank und verlassen auf seinem Lager liegt. Dieser Diener wird euch seine Wohnung zeigen. Nennt dem Kranken euren und meinen Namen und sagt ihm, er solle von heute an nicht mehr Mangel leiden; und sagt ihm auch das noch: »Lewin van der Bruck rufe ihm Joseph's Wort an seine Brüder zu: »Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber hat es gut mit mir gemacht.« Der Jäger ging und fand auf dem Krankenlager den alten Buchhalter.
20. Der Tag ist da.
»Ein Brief aus Holland! Komm, Dorothe, meine Liebe, wir wollen ihn gemeinsam lesen«, rief einige Wochen darauf der alte Schulmeister Justus seinem Weibe zu. »Nimm du ihn, mein Engel, und öffne ihn! Ist es Alter, oder ist es Erwartung, meine Hände zittern, ich kann ihn nicht öffnen!« »Ich auch nicht, Väterchen, ich auch nicht«, sprach Dorothe, »wir wollen uns Zeit lassen. So, nun ist er auf, und nun lies du ihn. Frohe Nachricht steht oben drüber; da ist sein Inhalt gewiß herzerquickend.«