Der Schulmeister las, und ließ die Arme sinken, und wischte sich die Augen. »Dorothe«, sagte er, »ich kann nicht weiter; Heinrich und Selma sind Mann und Weib, — mein Bruder Heinrich, der Todtgeglaubte, ist zurückgekommen aus fernen Landen, — der alte van der Bruck ist deiner Mutter Bruder! — Dorothe, ich muß den Brief hinlegen, die Freude preßt mir das Herz ab, ich werde schwach, zum Sterben schwach!« und der Alte lehnte sich zurück in seinen Sessel, und bedeckte mit der Hand die

Augen. Dorothe öffnete das Fenster und kühlend wehte die Morgenluft um das weiße Haupt des Alten. Schweigend saßen die beiden Eheleute einander gegenüber; was in ihnen vorging, das ist Gott allein bewußt.

»Dorothe«, sprach endlich der Schulmeister, »wir Beide gehen bald zur Ruhe; laß uns nicht scheiden, bevor wir uns Rechenschaft abgelegt von unserm Tagewerk und Gott die Ehre gegeben. Laß uns Zeugniß ablegen von den großen Thaten Gottes an uns, denn er hat überschwänglich an uns gethan über Bitten und Vergehen. — Er hat uns gegeben fromme Aeltern, die jetzt vor Gottes Thron stehen, und uns behütet in den Tagen unsrer Schwachheit, und uns eine frohe Kindheit gegeben. Dann hat er uns in seine Uebungsschule genommen, auf daß er unser jugendlich Herz bewahre vor Sünd' und Schand', und es dem zuwende, vor dem ein reines Herz mehr gilt, denn Gold und Edelstein. — Als wir müde wurden vom Warten, da hat er uns Obdach gegeben und Brod, daß wir satt wurden, und Kinder lieb und gut und treu. Und wir haben der Keines verloren, nur Eins, das wollte der liebe Gott uns droben auferziehen. Sie sind Alle versorgt, und haben ihr Brod, und Heinrich sogar reichlich. — Laßt uns nicht gedenken der Mittagshitze, die unser Lebenstag hatte; das Weh, das uns falsche Brüder thaten, haben treue Freunde in der Noth reichlich versüßt, von denen noch Viele leben, Etliche aber sind entschlafen. Es ist mir leid um dich, mein Bruder Scheuermann, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt, und auch um dich, Schwester Lindin! Ruht sanft ihr Freunde all', eurer Liebe will ich bald gedenken vor Gottes Thron! — Ist doch die Nacht der Trübsal, die uns manchmal einhüllte, vergangen, ist doch der Morgen gekommen! Und auch die Nacht hatte ihre Sterne

und ich hab' zu ihnen aufgeschaut, und bin Schauens nicht müde geworden. Ging einer unter, so ging ein neuer auf, und jeder hielt mir das Licht, einzuschauen in die Tiefe des Reichthums, beides der Weisheit und Erkenntniß Gottes. — Nun ist's Abend für unser ganzes Leben, und unseres Lebens Sonne geht so schön unter! Wir sind müde am Leib, aber wach am Geist, denn Du, Herr, hältst die Augen, daß sie wachen; wir wachen zu Dir! — Laßt euch grauen vor den Tod, ihr Weltmenschen, ich fürchte ihn nicht; ich weiß daß mein Erlöser lebt; darum habe ich Lust, abzuscheiden und bei Christo zu sein.«

»Und nun Dorothe, gib mir noch einmal die Hand, und versprich mir, wenn ich früher sterben sollte denn du, daß nichts an meinem Grabe geredet werde, als das Eine Wort: »Bis hierher hat der Herr geholfen!«

»Kommst du Justus? Herr, ich komme!
Dein mein Leben, dein mein Ende;
Herr, in deine treuen Hände
Leg' ich freudig Leib und Geist,
Herr, dein Name sei gepreist!«