Und Altmann opferte, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, seine letzten Spargroschen für die teuren Stunden und ein paar nette Fähnchen, die Karla nun endlich mal haben mußte.
Und jetzt war es so weit, daß Karla in dem Klavierzimmer des ersten Agenten, des Kommissionsrats Fuchs, einem amerikanischen Impresario vorsingen sollte, der gute Stimmen billig für eine Tournee nach Amerika zu exportieren pflegte.
Von seinem alten guten „Dear friend“ erwartete der Impresario „gute Ware“, stützte sich dabei auch auf sein eigenes Geschick, einen Namen „zu machen“ und zu „managen“.
Er war eigentlich ein guter Deutscher, der es aber für notwendig hielt, im Interesse des Geschäftes den Amerikaner noch zu übertrumpfen. Er hieß Johann Rössel. Schrieb sich aber „John Russel“. Fuchs kannte ihn noch, als er Pferdejunge bei einem Jockei in Hoppegarten war. Er hatte damals ein Rennen geritten und einen kleinen Preis gewonnen, war in die unterste Schicht einer gewissen Lebewelt geraten, hatte sich in eine amerikanische Chansonette vergafft und war ihr als ihr „Sekretär“ nach Chicago gefolgt.
Die Chansonette schrieb zu wenig Briefe, um seine Dienste lange in Anspruch zu nehmen. Bald trieb er sich stellungs- und herrenlos herum, lief erfolglos jedem hübschen Gesicht nach und machte die merkwürdige Entdeckung, daß die kleinsten Hände das meiste Geld raffen. Nach verschiedenen Abenteuern, die seine Verachtung für das weibliche Geschlecht noch steigerten, kam er mit ein paar verwegenen Burschen nach Klondyke, steckte sich einen Clam ab und buddelte Gold. In diesen fünf Jahren seiner Goldgräberexistenz frischte er seine Erinnerung an seine erste Liebe dadurch auf, daß er zur Erheiterung seiner Kameraden und der anderen Goldgräber der umliegenden Clams eine Chansonetten- und Tänzerinnengesellschaft nach Klondyke kommen ließ.
Der ungehobelte Tisch der Kantine war das erste Podium. Es kam auch vor, daß das eine oder andere Dämchen als ehrsame Gattin eines Goldgräbers zurückblieb, wenn John Russel die ganze Gesellschaft abschob und sich eine neue Truppe von da oder dort verschrieb.
Sein Ruf war in jener Zeit nicht besser und nicht schlechter als der der meisten goldgrabenden Abenteurer. Daß er auf Diebe Jagd machte wie auf Hasen und die Burschen nicht zählte, denen seine Revolverkugel das Lebenslicht ausgeblasen, das nahm ihm weiter keiner übel. Selbsthilfe war dort alles.
Als er fand, daß die Zahl seiner Goldsäcke einem Vermögen von etwa zwei Millionen gleichkam, stapelte er sie auf einem langen Tisch auf, stellte sich hinter ihn mit einem geladenen Revolver in jeder Hand und ließ eine Aufnahme machen. Nun war er mit Klondyke fertig.
Als gemachter Mann kam er nach Philadelphia und gründete dort ein Theater. Es machte ihm Spaß, alles, was Namen hatte in Amerika und Europa, in sein Haus herüberzulotsen. Aber weil er gewalttätig war und selbst einen Irrtum niemals einsah, fraß ihm das Unternehmen anderthalb Millionen auf. Ein zweiter Versuch, den er in Klondyke unternahm, schlug fehl. Die Verhältnisse hatten sich auch mittlerweile geändert. Meist waren jetzt große Gesellschaften die Ausbeuter, und der Einzelunternehmer kam schwer auf seine Rechnung.
Gelangweilt trank er seinen Whisky in den prächtigen Varietéhallen, die an Stelle der einstigen einfachen Kantine die holde Weiblichkeit bargen. Und eines schönen Tages tauchte er wieder in Europa auf. In Wien hörte er die Lucca.