„Aus der machen wir was, Sie.“
John Russel faltete den Brief zusammen, steckte den ganzen Packen in die Innentasche seines mit schwerer Seide gefütterten Rockes. Jetzt warf er einen Blick auf Karla — kurz und abschätzend.
„Armes Luder, wie?“
Er entsann sich aller deutschen Ausdrücke, wenn er wollte.
Fuchs lachte lautlos.
„Verheiratet ... dear friend.“
Ein hoher Ton, den Karla plötzlich hinausschmetterte, aus Zorn über das rücksichtslose Geflüster, ließ John Russel nochmals aufblicken. Über sein gebräuntes, rissiges Gesicht huschte ein Lächeln.
„Bravo ...“
Ihn interessierten nur die hohen Töne. Die brauchte er für die Amerikaner. Sie schnappten danach wie Hunde nach einem Fleischbissen. Ihre Musikliebe nährte sich von den höchsten und den tiefsten Tönen der Sänger. Was dazwischen lag, nahmen sie nur mit in den Kauf. Er hatte einmal eine Mulattin „gemanagt“, häßlich wie die Nacht, dumm und unmusikalisch. Sie sang nur zwei Lieder. Aber ihre Stimme erkletterte die höchsten Geigentöne. Das Publikum raste, und nach drei Jahren hatte sie sich eine Million erpiepst. Ein Glück; denn in Veracruz holte sie sich eine Halskrankheit, und die Stimme sank zum normalen Umfang zurück. Sie war erledigt.
Altmann spielte mit kalten, feuchten Fingern. Er wußte, was Karla konnte, und wußte, daß sie jetzt aus einer ihrer sprunghaften Stimmungen heraus „Schindluder trieb“. Wie ein wildes Füllen, so jagte ihr die Stimme davon. Er hörte zurückgedrängtes krampfhaftes Schluchzen und Lachen aus ihrer Stimme heraus. Er schlug auf die Tasten, hielt zurück, soviel er konnte — sie krampfte ihre Finger in seine Schulter, trieb ihn an ... Er gab nach. Es war keine Musik mehr, es war ein Anhäufen von Tönen, die markerschütternd aus der Tiefe einer zornlodernden, verzweifelten Seele kamen. Mit einem wilden Aufschrei, mitten im Takt brach sie ab.