Eines Tages hielt sie es nicht aus. Auf dem Heimwege vom Theater brachte sie das Gespräch auf den betreffenden Kritiker.

„Ich finde, er schreibt so dumm“, sagte sie.

„Dann lies ihn doch nicht“, antwortete er ruhig. Und nach ein paar Schritten: „Weißt du, daß dein Ärmel ausgerissen ist? Hübsch sieht das aus, Karla.... Du wirst so gut sein und dir deine Sachen mal ein bißchen ansehn. Eine Hausschneiderin kann ich dir noch nicht halten.“

Karla saß den ganzen Nachmittag und flickte. Abends war Schauspiel. Sie hatte das Stück schon mehrfach gesehen und bat, zu Hause bleiben zu dürfen.

Aber dann wurde es ihr zu einsam in den drei stillen Stuben, und sie ging hinüber zur Wirtin.

Sie half ihr beim Kartoffelschälen und erzählte ihr Theaterschnurren. Sie lachten beide sehr viel, und Karla fühlte sich sehr behaglich. Schließlich fragte sie, ob sie ihr nicht etwas vorsingen solle. Die Wirtin war begeistert. Sie band eine saubere Schürze vor und ließ sich von Karla in einen der braunen Ripssessel nötigen.

Karla wählte nicht lange. Sie fing mit der Agathenarie aus dem „Freischütz“ an, griff dann zu Mozart. Aber der „lag ihr nicht“, da hudelte sie. So landete sie bei Wagner. Ihr war es, als hätte sie nie so schön gesungen, als hätte sich ihre Stimme nie so voll und rein ausgebreitet. Gar nicht, als ob sie es war, die sang. Als sänge etwas Fremdes, Wundersames, Großes aus ihr heraus. Der Wirtin liefen helle Tränen die Wangen herunter; sie schneuzte sich heftig. Auch Karla fing an zu weinen. Sie war so glücklich. Es war so herrlich, singen zu dürfen ... die ganze Seele hinzugeben.

„Was hätten Sie für eine Heirat machen können ... mit der Stimme!“

Karla ließ den Klavierdeckel hart zufallen.

„Hab’ ich’s denn nicht gut getroffen? Ich wünsch’ mir gar nichts Besseres.“