Und sie war dann immer doppelt zärtlich zu ihrem Manne. Aber diesmal ... ihr schien es, als hätte Russel nicht so unrecht. Sie waren eben beide aus kleinen Verhältnissen — Altmann und sie — und hatten den weiten Blick nicht.

Sie löste den Scheck ein und bestellte ihre Kleider. Sie zitterte vor dem Augenblick, da sie Altmann diesen Vorschuß beichten mußte.

Ganz kalt sah er sie an und sagte mit eingezogenen Mundwinkeln: „Es ist ja dein Geld. Du kannst natürlich damit tun, was du willst.“

Sie wagte es nicht mehr, von einem neuen Frack zu sprechen.

Bevor sie New York verließen, durfte sie auch in einer ihrer neuen Toiletten bei Astrong singen. Entweder die Nordeni hatte haarsträubend gelogen, oder die Milliardäre waren verschieden wie Tag und Nacht. Die Künstler waren von der Gesellschaft durch eine rote Samtschnur mit goldenen Quasten abgegrenzt. Die Damen wandelten um die Schnur herum und musterten die Künstler halb dreist, halb gelangweilt durch ihre edelsteinbesetzten Lorgnetten und tauschten mit ihren befrackten Begleitern Bemerkungen aus. Karla fühlte, wie die Füße ihr brannten in den kleinen Goldschuhen, auf die die Blicke der märchenhaft reich gekleideten Frauen fielen. Die Geigerin flüsterte ihr zu: „Man trägt in diesem Jahr keine Goldschuhe mehr.“

„So“ ...

Karla setzte sich auf einen kleinen seidenen Hocker und zog die Füße ein. Ihre weißbehandschuhten Hände (man trug in diesem Jahre auch keine weißen, sondern nur schwarze, lange Handschuhe) nestelten aufgeregt an den Notenblättern. Wenn die Leute sie noch lange so anstarrten, dann ... dann riß sie die Handschuhe ab und warf sie ihnen ins Gesicht oder streckte ihnen die Zunge aus! Aber die Gäste verliefen sich allmählich, und nach einigen Minuten begann das Konzert. Die Künstler wurden von einem befrackten Herrn einzeln hinter der Schnur hervorgeholt und nach ihrer Nummer wieder hinter die Schnur zurückgebracht.

Karla zitterte vor Wut. Als sie aber auf das Podium trat, das mit hellblauem Samt ausgeschlagen war, wurde sie ganz blaß, da sie die Pracht erblickte, die sich vor ihr ausbreitete. In der ersten Reihe saß eine blonde Frau in schwarzem Schleiertüll, dessen feines Rankenmuster mit echten kleinen Brillanten eingefaßt war; erbsengroße Diamantknöpfe schlossen die Spangen der schwarzseidenen Schuhe und eine lange Kette flach gefaßter Brillanten fiel in doppelter Reihe von dem schlanken Halse herab bis zu den Knieen. Neben ihr saß eine üppige Brünette, deren lichtblaues, langschleppendes Unterkleid von einem Netz aus Goldfäden überdeckt war, das mit langen Gehängen aus echten Perlen um die Schleppe, die kurzen Ärmel und die Brust verziert war. Hinter den Sesseln dieser zwei Damen standen unbeweglich je zwei Diener, deren Amt es offenbar war, darauf zu achten, daß sich nicht etwa einer der kostbaren Edelsteine von dem Kleide löste und in dem Gefältel fremder Schleppen verlor.

Die in die Wände eingelassenen und mit Gold abgesetzten, geschliffenen Spiegel gaben das Funkeln der Edelsteine, das Gleißen der wundervollen, gold- und silberschimmernden Stoffe hundertfach wieder. Das Licht aus zahlreichen goldenen Blumensträußen, die an der Decke angebracht waren, sprühte über die tief ausgeschnittenen elfenbeinstumpfen und rosig schimmernden Nacken, die scheinbar kunstlosen, in weiten Wellen gesteckten glänzenden roten, braunen und blonden Haare. Da, wo die Reihen der hellblauen Sessel mit geschnörkelten Goldlehnen endeten, erhoben sich in einförmigem Schwarz und Weiß die Gestalten der Männer. Bartlos wie Schauspieler waren sie alle. Hatten scheinbar gutmütige, ein bischen schwammige Züge. Nur das fast allen gemeinsame, vorgeschobene Kinn und der verschleierte schwere Blick gab ihren Gesichtern bei näherem Zusehen einen Zug neronischer Gefühllosigkeit. Ihre Hände konnten trotz aller Pflege nicht immer ihre Herkunft verbergen. Sie protzten weder mit Ringen, noch mit Orden. Die Größe ihres Reichtums zeigten ihre Frauen zur Genüge auf ihren Schultern an; ihre Stellung aber war durch ihre Anwesenheit in einem solchen Hause klargestellt. Zwischendurch gab es auch junge Leute, deren Gesichtszüge der Reichtum des Vaters veredelt hatte. Ihre Stirnen waren breit und nichtssagend, ihre Augen hatten die Schwermut des freudlosen Genießens, aber unter ihren Frackärmeln zeichneten sich die Muskeln von Berufsathleten ab. Sie besuchten diese Salons, in denen sie sich langweilten, um eine französische Prinzessin zu fischen oder einer Tingeltangelöse auszuweichen, die sie überall hin verfolgte, um ihnen zum mindesten ein Eheversprechen abzulisten, das sie zu Geld machen konnte.

All diesen Männern war der Frack die Abenduniform. Wo sie sie spazieren führten, innerhalb ihres Kreises, war ihnen gleichgültig, ebenso wie ihnen gleichgültig war, was sie über sich ergehen lassen mußten. Die Patti, Jean de Reczke hatten den Vätern einige Emotionen bereitet, als sie anfangen durften, an „Kunst“ zu denken — die jungen Leute hatten die Bewunderungen der Väter übernommen und noch nichts Neues entdeckt. Das war dort übrigens Frauensache. Aber auch die Frauen übernahmen gern geprägte Werte und ließen es sich erst sagen, für wen sie sich zu erwärmen hatten.