Der Geigerin ging ein recht guter Ruf voraus. Sie war eine mollige Blondine, und der Salon ihres Mannes, der in Paris ein berühmter Klavierspieler war, vereinigte die beste Gesellschaft. Einige junge Damen aus den upper Vierhundert hatten Geigenunterricht bei ihr in Paris genommen ... sehr nett .... Man hatte ihr lebhaft mit den Fingerspitzen zugeklatscht.

Aber — Karla König? ... Ein unbeschriebenes Blatt.

Man hörte nicht viel hin, unterhielt sich leise — durchaus höflich, legte wohl auch mit mahnendem Lächeln den beringten Finger an den Mund — es war gerade die Mode aufgekommen, die Ringe über den Handschuhen zu tragen — und es sah auch wirklich sehr hübsch aus, wenn die Frauen so dasaßen, die steifen Hände wie glitzernde Blumen im Schoß. Die Tochter eines Multimillionärs hatte es sogar gewagt, sich einen kleinen funkelnden Rubin in den milchweißen Augenzahn einsetzen zu lassen. Sie lächelte sehr viel, weil sie heute zum erstenmal die Wirkung dieser Neuheit ausprobierte. Und eigentlich war der Zahn von Miß Evelin Steafford heute der „Clou!“, gegen den auch die beste Nummer des Konzerts schwer aufkommen konnte. Denn die Wirkung des Rubins mußte bei allen Wendungen von Miß Evelins hübschem Kopf und jeder Art ihres reizenden Lächelns genau beobachtet werden.

Karla sang. Die Noten zitterten in ihren Händen. Sie fühlte, daß sie ins Leere sang. Dann sah sie, wie ein paar Damen wieder ihre Schuhe lorgnettierten. Sie wurde immer unsicherer.

„Was machen Sie denn?“ flüsterte ihr der Begleiter zu.

Sie hatte einen Takt ausgelassen. Wie durch ein Wunder kamen sie nicht auseinander. Als sie zu Ende war, rührte sich keine Hand. Sie griff nach dem Klavier. Tiefe Schatten legten sich unter ihre Augen. Die blonde Dame mit dem goldenen Netz schlug kaum merklich auf die Lehne ihres Sessels und unterdrückte ein Gähnen. Das war nun schon das vierte Hauskonzert in dieser Woche ... es war Zeit, daß man auf etwas anderes kam. Sie würde sich eine Bühne bauen lassen — in der Art wie sie die Patti hatte. Natürlich in ganz anderer Ausführung .... Musik war ja ganz nett, aber man mußte auch was fürs Auge haben ...

Na — was war denn das plötzlich?

Die Dame in Blau und die Dame in Schwarz beugten sich zueinander ... und alle schimmernden Frauenköpfe neigten sich nach rechts und links, wie sturmbewegte Blumen. Eine große Stille lag über dem glitzernden, funkensprühenden, lichtumfluteten Saal .... Was war denn geschehen? ... Die da oben sang ja plötzlich nicht mehr? Ein paar Herren reckten ihre Hälse ... nicht viele. Die meisten waren froh, daß es aus war.

Karla wankte am Arm des Begleiters die paar Stufen des Podiums herunter.

Der Herr, der die Künstler hinter der Schnur hervorholte wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, sprang auf die Erhöhung und meldete, Miß König wäre plötzlich von einem Unwohlsein befallen worden ... Dann schubste er den Sänger hinauf, den er schon in Bereitschaft gehalten.