Altmann fühlte, wie der Ärger ihn übermannte. Aber sie sah ihm nach, mit kokettem Augenaufschlag.

Eigentlich gefiel er ihr. Sie hatte etwas übrig für „tragische Masken“. Und es war nett, daß er sich so für seine Frau einsetzte. Die König war doch gut dran. Brauchte nur zu singen, überließ alles andere ihrem Mann! Führte eigentlich immer so „ein Stückchen zu Hause“ mit sich herum, hatte immer eine Veste, an der sie sich ausweinen und auslachen konnte.

Die Nordeni verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte durch das Fenster in den grauen Himmel.

Manchmal versuchte sie an ihre Kindheit zurückzudenken, an ihre Jugend ... aber es war alles so lange her ... und ihr Leben war so wild bewegt gewesen. Männer hatten es gelenkt nach dem Ermessen ihrer flüchtigen Laune. Schlug es gut für sie aus, waren sie nicht mehr da, um sich daran zu erfreuen, — nicht gut, so kehrten sie ihr den Rücken, noch ehe sie verantwortlich gemacht werden konnten.

Bezahlte Dienerinnen waren ihre Vertrauten. Die Vertrauten ihrer absterbenden Jugend, ihrer kurzen Abenteuer. Wenn die Tür sich hinter ihnen schloß, verrieten sie sie an die besser Zahlende oder nahmen ihr den Mann weg, der ihr gehörte. Auch das hatte sie erlebt. Und hatte immer nur neue Länder zwischen ihre Leidensstationen zu setzen gewußt, hatte sich immer nur durch ihren prahlerischen Schmuck und das hochnasige Lächeln, durch ein paar spitze, helle Töne und eine dreiste Routine auf ihrer Höhe zu halten verstanden. Wie lange noch ...? Und was dann ...?

„Mariette,“ rief sie, wie ein Kind, das sich plötzlich im Dunkel fürchtet, „Mariette.“ ...

Aber sie war allein in dem großen, kahlen, weiß angestrichenen Hotelzimmer. Sie überhörte das Klopfen an der Tür und schrie auf, als sie plötzlich einen Neger vor sich sah. Der Neger zeigte lachend seine gelbe Zahntastatur und stellte ein hübsches Lackbrett mit dem Nachmittagstee auf den kleinen Bambustisch neben dem Ruhebett.

— — — Altmann fand Mariette um Karla beschäftigt. Zierlich, unhörbar huschte sie durchs Zimmer, rang das Wasser aus den Tüchern, senkte kleine Eisstücke in die bereitete Limonade. Altmann suchte sein bißchen Schul- und Bühnenfranzösisch zusammen, um ihr zu danken. Sie wurde rot und lächelte. Karla lag im Bett mit geschlossenen Augen und roten Wangen.

Altmann streichelte Karlas Hand. Er merkte es kaum, daß Mariette klingelte, Tee bestellte und ein Tischchen deckte. Aber als sie ihn mit einem stillen Zeichen rief, da sah er, daß Eier und ein kaltes Huhn mit angerichtet waren, und so merkte er es auch erst, daß er seit dem ersten Frühstück nichts zu sich genommen hatte.

„Das wußte ich doch“, sagte Mariette.