— — Wunderhübsch war die neue Wohnung in der Motzstraße — hell, geräumig ... und doch fühlte sich Dr. Maurer fast noch unbehaglicher hier, als das letzte Jahr in der Culmstraße. Auch das Essen, das jetzt immer so reichlich auf den Tisch kam, schmeckte ihm weniger.

Ihm war nur wohl, wenn er sich in seinem Arbeitszimmer einschloß, in das er nicht die geringste Neuanschaffung zugelassen hatte.

Manchmal, mitten im Verbessern seiner Hefte, hielt er ein, legte die Feder nieder und lehnte sich in den Sessel zurück.

War er nicht doch ein fleißiger Arbeiter gewesen all die Jahre — hatte er es nicht mit seinem Wissen und der Mühe seiner Tage vermocht, die Familie zu erhalten, die Kinder aufzuziehen? War es denn gar so gering, was er den Seinen bot, daß es ihnen nicht mehr genügte, daß sie über sein ehrliches Verdienen hinweg nach Almosen schnappten?

Am Vorabend von Schmerzchens zweitem Geburtstag brachte Adele ihm einen Brief von Altmann ins Zimmer.

Immer und immer wieder hatte er ihn lesen müssen, und war doch am Ende so klug wie zu Beginn ... hatte es doch nicht zu ergründen vermocht, wieviel von Karlas eigenem Willen in diesen Worten lag, die so brüderlich waren und ihn doch schmerzten wie eine Demütigung. Gleich heute sollte er dem Schwager antworten. So verlangte es Adele. Mit Worten, die ihn wie scharfe Messer schnitten.

„Das wenigstens kannst du doch für Fritz tun ...“

„Das wenigstens“ ... Was denn mehr? Was konnte um des Himmels willen ein armer Schulmeister mehr tun, als Ströme roter Tinte über Schülerhefte ausgießen und die Seinen schuldenfrei zwischen den Sandbänken des Lebens hindurchlotsen?

Er saß vor seiner Briefmappe. Der Brief des Schwagers lag vor ihm:

„An Bord, 34 Grad südl. Breite.