Meine Lieben!

Euren oder vielmehr Adelens Brief erhielten wir noch in Montevideo, zwei Stunden vor unserer Abfahrt. Karla, die in der letzten Zeit fast über Gebühr angestrengt war, liegt ein bißchen angegriffen auf Deck. Nicht überall war das Klima ihr günstig, aber ihre urgesunde Natur überwindet schließlich doch alle Strapazen, um so mehr, als sie sich ihrer wohlverdienten Erfolge freuen darf. In Städten, die eine größere deutsche Kolonie haben, wird sie buchstäblich auf Händen getragen, und ich habe alle Mühe, ihr die ihr so dringend notwendige Ruhe zu erkämpfen. Leider ist sie unvernünftig und verschwendet ihre Stimme. Sie schöpft eben noch aus dem Vollen, und die Huldigungen machen ihrer Kindlichkeit Spaß. Wenn sie zu einem Hauskonzert gebeten wird, so singt sie nicht die zwei ausgemachten Arien, sondern womöglich ihr ganzes Repertoire. Die Leute sind natürlich begeistert, und es regnet mehr Einladungen als Geld. Immerhin verdient sie weit mehr, als wir bei unserer Ausreise annehmen durften, und so ist es uns möglich, Euch einen Beweis unserer Freundschaft zu geben. So laßt denn Fritz Offizier werden, wenn er durchaus daran hängt. Macht Euch keine Sorge um spätere Zulage und anderes. Was wir tun können, wird geschehen. Es wäre nur gut, wenn Fritz in Unkenntnis darüber gelassen würde, von wem ihm die Möglichkeit kommt, seinen Lieblingswunsch zu erfüllen. Es ist nicht gerade nötig, daß er allzu sehr auf Karla baut. Das würde nur seinen Leichtsinn wecken. Sollte es aber durchsickern, dann hat er sich immer nur an mich und nicht an Karla zu halten. Karla ist zu gutmütig und hat keine Ahnung vom Wert des Geldes. Hätte ich ihre Einnahmen nicht verwaltet, so wäre das meiste völlig sinnlos und unzweckmäßig verläppert worden, während sie jetzt selbst froh ist, daß sie Euch dienlich sein kann. Ja, sie sagte sogar: ‚Wenn du gleich zusagst, dann haben sie alle eine Freude an Schmerzchens Geburtstag‘. Ich lege dem Brief fünfzig Dollar bei. Isolde wird wohl einiges benötigen, und was übrig bleibt, kannst du für dich verwenden. Euer letztes Bild hat mich sehr erfreut. Nur finde ich, daß Luise sehr schmal geworden ist. Da sie schrieb, daß sie sich jetzt auch um die Wirtschaft bei Stown’n kümmert, so führe ich ihr Aussehen auf die ungewohnte körperliche Anstrengung zurück. Sie soll sich nur nicht zuviel zumuten! ... Der Brief ist in mehreren Abständen geschrieben. Karla hat mich sehr in Anspruch genommen, da sie merkwürdigerweise die Seefahrt diesmal nicht gut verträgt. Ich muß schließen — in einer Stunde wird die Post an Land gebracht. Karla läßt grüßen. Euch alles Liebe und Gute wünschend, verbleibe ich Euer treuer Bruder, Schwager und Onkel

Ernst Altmann.“

Ja ... und nun sollte Alwin Maurer danken. Er sah immer Karlas Gesicht, blaß und verzerrt, und er hatte ihre Stimme im Ohr ... diese Stimme, die er so liebte, die sie von Land zu Land schleifte und die sie in Geld umsetzen mußte, fern von ihrem Kinde. Sie alle aber rafften ihr Geld an sich, und dieses Geld, das zu ihnen strömte, war das einzige, was ihm blieb von ihrer Stimme! ...

Was er geliebt und angebetet hatte, was so schmerzend fern von ihm lebte und klang, das kehrte zu ihm zurück, in Geld verwandelt, das Adele ihren Zwecken nutzbar machte ..

Er sprang auf, öffnete die Tür zum Eßzimmer. Schmerzchen saß mit rotgeklapsten Händchen vor ihrer Negerpuppe, die sich so herrlich herumwerfen ließ. Warum haute Tante Adel eigentlich, wenns der Puppe selbst recht war?

„Komm, Schmerzchen ... du sollst deiner Mama schreiben.“

Alwin Maurer hob Schmerzchen auf den Arm, ging mit ihr in sein Zimmer und setzte sich, mit ihr auf dem Schoß, an den Schreibtisch.

Schmerzchen war einverstanden mit der veränderten Tätigkeit; aber wie Onkel Al ihre kleine Hand um den Federhalter drückte ...! Nein ... so war das gar nicht nett. Das tat ja fast noch mehr weh, als Tante Adel’s Klapse!

Immerhin — sie mochte den Onkel gut leiden und wollte ihm den Gefallen tun. Ohne Tintenklexe ging es nicht. Aber die waren das hübscheste an der ganzen Sache.