Als Schmerzchen von ihrem Nachmittagsschlaf erwachte, rosig und weltfreundlicher gestimmt als vor einigen Stunden, wartete Pauline bereits an ihrem Bett, um sie zum Großpapa zu bringen.

Vor dem Hause der Schillstraße traf Pauline den Briefträger. Er händigte ihr einen dicken Brief ein mit vielen ausländischen Marken.

„Von deiner Mama ... was sagst du, Schmerzchen ... von deiner lieben Mama! ...“

Es roch schon auf dem Flur so wunderschön. Schmerzchen knixte sehr flüchtig und auf unsicheren Beinchen nach links geneigt — wie der Großpapa es sie gelehrt hatte.

„Ei ... du kleines Fräulein ... wie niedlich wir sind ... wie charmant ... aber der Knix ... Nein ... der war nicht schön ... noch einmal ... Keine Grimasse ... ta ta ta ... hübsch graziös, kleines Fräulein ... soo ...“

Vor dem Mitteltisch stand ein großer Puppenwagen, am Stuhl hing eine rote Pferdeleine mit kleinen Glöckchen, ein gehäkeltes wollenes Unterkleidchen, mit rosa Schleifchen, lag neben der Tasse ... und mitten auf dem Tische erhob sich ein Napfkuchen, ganz weiß von Zucker, und zwei große Kerzen flammten auf dem Tellerrand ... und jetzt kam das Schönste: Pauline, mit einer großen Kanne, aus der ein duftender Dampf aufstieg ... so stark, als ob sich über das ganze helle Zimmer Schokolade ergossen hätte ... so daß Schmerzchen immer wieder ihre Zunge herausstreckte und mit großen Augen die Kanne, den Kuchen, die Tasse und Pauline selbst verschlang. Den Großpapa hatte sie ganz vergessen ...

Er saß ja auch weitab an seinem Schachtisch beim Fenster, faltete mit seinen kleinen, weißen Händen die feinen überseeischen Briefbogen auseinander, rückte an seiner weißseidenen, baumelnden Krawatte, räusperte sich und vertiefte sich in Karlas teils wie nach einer Vorlage geschriebenen, teils krakeligen Schriftzüge. Kein Datum. Nicht ein einziges Mal die Stadt, der Breitengrad oder der Name des Schiffes. Sie hatte Wichtigeres aufzuzeichnen.

Mein lieber Papa!

Ich weiß nicht, ob überhaupt und wann ich mit dem Briefe fertig werde. Vielleicht schicke ich ihn noch heute, vielleicht zu Schmerzchens Geburtstag, vielleicht gar nicht.

Es ist sehr schlimm, daß ich so viel allein bin. Ernst sieht es nicht gern, wenn ich mit den anderen „intim“ werde. Es geht auch nicht gut, seitdem er sich so eine komische Stellung bei uns ausgeklügelt hat. Er kommt mir vor wie der „schwarze Mann“, vor dem ich mich als Kind so gefürchtet habe. Oder aber wie unser altes Dienstmädchen. Erinnerst Du Dich? Die ging nie ohne Staubtuch herum und rückte immer alles an seinen Platz, kaum daß man es benützt hatte.