Aber Ernst sagt, er müßte auf Ordnung dringen — es wäre alles furchtbar verwahrlost gewesen. Ich glaube, die Kollegen mögen ihn nicht, und sie lassen es mich oft ausbaden, wenn sie von Ernst einen Verweis erhalten haben. Natürlich hat Ernst im Grunde recht, aber die Leute sind doch nun mal das gewohnt, was sie „ihre“ Ordnung nennen. Die Herren sind hier sehr galant, sehr großartig. Einer hat mir einmal ein wunderschönes Armband mit Rubinen in einer Konfektschachtel geschenkt. Leider durfte ich es nicht behalten. Es war ja sehr richtig von Ernst, daß er es dem Herrn zurückgab, aber ich habe es doch lange nicht verschmerzen können. Denn so sehr viel Schmuck habe ich doch nicht, und mir falsche Steine anhängen wie die Nordeni — das mag ich nicht ... Denke Dir, mein lieber Papa, was geschehen ist ... mir zittern noch alle Glieder, obwohl wir schon wieder gemütlich im Zuge sitzen und weiterrattern, wie Du es an meiner Schrift sehen kannst. In unserer Lokomotive brach Feuer aus, und wir blieben auf freiem Felde stehn. John Russel reiste ausnahmsweise mit uns — Gott sei Dank! Plötzlich, während wir uns draußen ein wenig ergehen, hören wir ein schreckliches Geschrei und sind, ehe wir es uns versehen, von einem Haufen Indianer umringt. Die einen stürmen den Zug, die anderen stürzen sich auf uns, werfen uns Tücher über die Köpfe, fesseln uns. Ich höre Schreien, Schüsse ... ich dachte nur an Schmerzchen in diesen entsetzlichen Minuten. Dann wurde ich, glaube ich, ohnmächtig. Als ich aufwachte, war ich wieder in meinem Abteil. Aber nicht Ernst, sondern Kapelle, unser erster Kapellmeister, stand vor mir. Er ließ mich an etwas sehr Scharfem riechen und schimpfte entsetzlich. Ich fragte, wo mein Mann sei. „Ach lassen Sie nur, der ist gut aufgehoben“, sagte er. Ich schrie auf, weil ich glaubte, die Indianer hätten ihn erschossen. Aber Kapelle beruhigte mich und sagte, ich solle jetzt nur schlafen. Kaum war er draußen, so sprang ich auf die Bank, um meine Tasche herunter zu holen, und mich herzurichten, denn ich sah wie eine Wilde aus — die Haare aufgelöst und verwirrt — und die Bluse, na ... Ich suche und gucke überall herum — keine Tasche! Schön. Also gehe ich heraus so, wie ich bin, um meinen Mann zu suchen. Wo finde ich ihn? Im Nebenabteil. Er liegt auf der Bank, mit verbundenem Kopf. Mariette kühlt ihm die Stirn mit Kompressen. (Du weißt doch, die Zofe der Nordeni, bei der ich französischen Unterricht habe.) Ernst, rufe ich. Ernst! Er streckt mir die Hand entgegen ... er kann sich nicht rühren. Er behauptet, die Indianer hätten ihn mehrfach in die Luft geschleudert und auf die Erde fallen lassen. Mariette hat Tränen in den Augen. Das fand ich nun ganz überflüssig; schließlich braucht sie um meinen Mann nicht zu weinen! Das kann ich allein besorgen, wenn ich will ... Ich bedanke mich also bei ihr und schubse sie mit aller Liebenswürdigkeit aus dem Abteil. Kaum bin ich allein mit Ernst, als der Zug sich wieder in Bewegung setzt und John Russel zu uns hereinkommt. Ob mir nichts von meinem Gepäck fehle? Ja, sage ich, die Tasche.

„Well — das war ein Raubüberfall. Die Kerls wollten Ihnen Ihre Brillanten stehlen ...“ Da mußte ich lachen und meinte: „Well, da werden sie aber nichts anderes finden als ein paar Zahnbürsten, Kämme und Seife ...“ „Macht nichts,“ sagte John Russel ... „es war doch ein Brillantendiebstahl! ...“

In unserem Zug fuhren ein paar Reporter, die sich unsere nächste Vorstellung ansehen sollten, um darüber zu berichten. Na, die hatten nun zu tun, das alles zu schildern .... Mein lieber Papa! Ich sitze nun schon eine halbe Stunde in meinem Hotelzimmer und komme vor Lachen um. Weißt Du, was mir gestohlen worden ist? Ein Diadem von der Königin von Griechenland im Werte von sechzigtausend Dollar, ein Brillanthalsband im Werte von vierhunderttausend Dollar vom Kaiser von Rußland, vierzehn Ringe im Gesamtwert von zwanzigtausend Dollar, eine Gürtelschnalle aus Smaragden und Perlen — ein Geschenk der Astrongs, zwei Uhren, mit Edelsteinen besetzt, eine Kette aus Platina mit Brillanten und — die Tugendrose vom Papst! ... Das Theater ist umlagert von Menschen, die noch Billette zu erhalten hoffen! Es heißt, daß man in der Stadt eine Sammlung plant, um mir „einen Teil des tragischen Verlustes“ zu ersetzen! Steht alles schwarz auf weiß in der Zeitung. Ernst geht auf einen Stock gestützt. Er ist augenblicklich nicht in rosigster Laune und spricht nicht viel mehr als das Nötigste mit mir. Ich glaube, er ärgert sich über den Humbug ... Weißt Du, was mir scheint? Mariette fängt an, mit Ernst zu kokettieren. Ich neckte ihn ein bißchen mit ihr, da verbat er es sich. Man kann eigentlich nie recht Spaß machen mit ihm. Meinen französischen Unterricht habe ich auch aufgegeben. Ich kann genug .... Also denke, der ganze Indianerüberfall war von John Russel „inszeniert“. Choristen von uns hatten sich verkleidet. Der Fundus von „Afrikanerin“ und „Aida“ hat herhalten müssen! So genau hat ja niemand hingesehen und die Gelegenheit haben sich einige zunutze gemacht, um Ernst — nein, es ist zu schändlich! Ich glaube, er ahnt die ganze Sache und mag darum nicht mit mir über die Geschichte sprechen. Er ist auch lange nicht mehr so streng seitdem gegen die anderen. Aber ich glaube, es muß ihn doch furchtbar demütigen — Tue nur nie, als ob Du etwas davon wüßtest —, um Gottes willen nicht! Ich dachte, die Nordeni hätte Schreikrämpfe gehabt aus Angst vor den Indianern — Gott bewahre ... die war ja mit im Komplott! (hat das selbst einmal durchgemacht im Beginn ihrer amerikanischen Karriere.) Sie hatte nur Angst, daß die Leute meinen armen Mann noch totschlagen, oder daß er in dem Sack, den man ihm über den Kopf geworfen hat, erstickt! ... Sie ist furchtbar ängstlich, die Nordeni. Gestern fragte mich mein armer Ernst, ob wir seinem Neffen, dem Fritz Maurer, nicht helfen wollten, die Offizierskarriere einzuschlagen. Ich sagte selbstverständlich ja. Ich finde es so rührend, daß Ernst sich seiner Leute in allem annimmt. Wäre mir aber auch sonst gar nicht möglich, ihm etwas abzuschlagen. Denn es ist mir oft geradezu peinlich, daß ich eine so ganz andere Stellung einnehme als er. Nur wegen meines bißchen Stimme ... Und dann muß ich mir auch immer wieder vorhalten, wie glücklich ich sein darf, daß mein geliebtes Schmerzchen so gut gepflegt und betreut wird ... So viel Liebe kann ihr ja freilich niemand geben wie ich ... obwohl ich doch ein bißchen auf den guten Alwin rechne und viel auf Deine Pauline. Ach mein lieber Papa, wie sehne ich mich danach, Dein ta ta ta wieder mal zu hören! Hier unter den braunen Affen wird einem alles so unsagbar teuer aus der Heimat! Kapelle fragte mich mal: „Sagen Sie, was wollen Sie eigentlich hier unter uns? Machen Sie, daß Sie bald fortkommen. Denn wer sich hierher verschlagen läßt, ist ja doch nur Verbrecher oder Abenteurer ...“ Armer Kapelle! Er ist mir entschieden der liebste von allen — trotz seiner Drinks und seines Slangs! Der Bariton ist auch ganz nett. Aber eigentlich singe ich nicht gern mit ihm. Wenn ich mich auf der Bühne in seine Arme stürzen muß, dann hält er mich gewiß ein paar Sekunden länger an sich gedrückt, als nötig ist. Mir wird dann immer übel, und ich möchte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben. Aber da ich ihm nichts beweisen kann, muß ich tun, als merkte ich nichts. Schon meines Mannes wegen ... Ach, mein lieber Papa, wie gut, wie himmlisch wird das sein, wenn ich erst an Schmerzchens weißem Bettchen sitzen und ihren süßen Kinderatem auf meinem Gesicht spüren werde ... Eben heißt es, die Post würde in einer Stunde an Land gebracht. So will ich schließen. Wenn ich Glück habe, kommt der Brief gerade zu Schmerzchens Geburtstag an. Pauline, die Gute, schrieb, sie würde das Kind über den Nachmittag zu Dir holen ... Wie beneide ich Dich! Könnte ich für diesen Tag all meine Liebe und Sehnsucht in Deine Augen legen, mit denen Du Schmerzchen ansiehst, in Deine Hände, die sie berühren, in Deine Arme, die sie umfangen ... so, jetzt heule nicht ... Lebt wohl, Papa, Pauline ... mein liebes kleines Mädelchen ... lebt wohl! Karla.

— — „Gute Nachrichten, Herr König?“

„Ach ja, Pauline, danke. Altmann ist verkeilt worden.“

Dem Papa hatte diese Stelle in Karlas Brief eine unerklärliche, aber sehr aufrichtige Freude bereitet. Dann aber eingedenk der letzten Worte, ging er schwungvoll und graziös auf Schmerzchen zu, die augenblicklich einen etwas negerhaften Eindruck machte, küßte sie vorsichtig auf das hellbraune Härchen und fragte mit aller Zärtlichkeit, die er in seine tenorale Krähstimme zu legen vermochte:

„Nun, mein kleines Fräulein, wie schmeckt denn die Schokolade?“

Karla war nervös. So richtig nervös. Der Regen, den die Wolken über die Straßen ausschütteten, bis das Wasser fußhoch zwischen den Häusern stand, dröhnte über dem Dach des Hotels ... Es wurde zeitig dunkel, und die Luft war erfüllt mit unheimlichen Lauten. Manchmal knackte das Holz der Veranda, die um das Hotel lief und auf die alle Zimmertüren mündeten.