Ein Rolladen ratterte herab. Die Nordeni läutete dem schwarzen Hotelmädchen, daß sie ihr beim Auskleiden helfen solle. Aber sie zuckte zusammen, als die schwarzen Finger ihre Schultern streiften. Im Spiegel sah sie die Augen des Mädchens: starr, glänzend, begehrlich auf den Schmuck gerichtet. Ein Frösteln lief ihr über die Arme .. Nur das Kleid ließ sie sich aufhaken, dann befahl sie dem Mädchen zu gehen und legte ihre Hand über das Geschmeide, als bange ihr, die starren, begehrlichen Blicke könnten die Steine aus ihrer goldenen Fassung reißen — Die echten und die falschen — — —

Gegen vier Uhr früh erwachte Karla. Sie war ausgeschlafen und munter, gähnte und streckte sich wohlig unter der weißen Decke und dachte an den heutigen Abend. Sie freute sich. Und weil die Freude sie nicht mehr einschlafen ließ, drehte sie das Licht an, schlüpfte in ihre Morgenschuhe und ging aufs Nebenzimmer zu. An der Tür stutzte sie. Warum hatte ihr Mann sie zugemacht? Es war doch sonst nicht seine Gewohnheit. Leise drückte sie die Klinke nieder. Flüsterte leise: „Ernst ...?“

Sie blieb wie erstarrt auf der Schwelle stehen: der Rolladen war hochgezogen — das Zimmer leer, das Bett unberührt. Kühl wehte der Morgenwind von den Bergen herein.

Sie riß die Decke vom Bett, wickelte sich ein und lief auf den Balkon. Die Rolläden vor den Zimmern waren alle herabgelassen. Das Zimmer neben dem ihres Mannes bewohnte die Koloratursängerin. Anschließend war ein Schrank- und Kofferzimmer, ohne Rolladen, dann kam die breite Balkontür der Nordeni — sie beanspruchte für sich stets den schönsten Raum — und nebenan als letztes das Zimmerchen von Mariette.

Auch hier war der Rolladen herabgelassen.

Karlas Zähne schlugen aneinander. Immer kälter fegte der Wind über die Dächer, immer dichter jagte er die grauen Wolken aneinander. Einzelne Tropfen schlugen schwer, in langen Abständen an die Rampe der Veranda, auf deren Eckpfeilern Geranienbüschel ihre roten Blüten über die bunten Steingutschalen neigten.

Plötzlich bückte sich Karla, und ihre bläulich angehauchten Lippen wurden weiß. Sie hielt die kleine, goldene Schlipsnadel ihres Mannes in der Hand — einen Anker, mit einer kleinen Perle — die sie ihm zu seinem Geburtstage geschenkt hatte.

Hier, vor der Tür dieser Person! Karla hob die geballten Hände, als wollte sie die Scheibe einschlagen. Dann fielen ihre Hände herab, fast gegen ihren Willen. Krampfhaft hielt sie die Nadel in der Hand, ohne zu merken, daß ihre Spitze sich so tief einbohrte, daß ein Blutströpfchen an ihr hängen blieb. Sie legte die Nadel auf Altmanns Nachttisch und sank auf sein Bett; ohne recht zu wissen, was sie tat, nahm sie ihren Schuh in die Hand. Aber als sie ihn hielt, da wußte sie, daß, wenn ihr Mann über die Schwelle trat, sie ihm den Schuh ins Gesicht schleuderte, mitten ins Gesicht ... Und dann würde er wissen, daß es aus war zwischen ihnen — für immer aus ..

Regungslos wie eine Puppe saß sie da ... Sie fühlte keine Kälte, keine Erschöpfung, hatte keinen Gedanken im Hirn und keine Überlegung.

Schneller folgten die Tropfen aufeinander, lauter schlugen sie auf, bis es ein Prasseln wurde ...