Er sah sich nicht mehr um, sah nicht, wie Karla in die Knie sank, mitten auf den staubigen, schmalen Boden ihres Pullman Cars, wie sie die Hände über dem Blatt Papier aneinanderfaltete und mit lauter, zitternder Stimme zu den Gepäcknetzen hinaufschrie:
„Solch einen Menschen hast du geschaffen, lieber Gott ... solch einen Menschen ...!“
Im Boardinghouse fanden sie Post vor.
In dem großen Brief an Altmann war ein kleines Briefchen von Vicki beigelegt. Sie schrieb über Schmerzchen hauptsächlich. Schmerzchen sei „süß“ und frage jeden Tag nach der Mama. Die Nachschrift war bedeutend länger und handelte von einem jungen Manne, den sie auf dem Architektenball kennen gelernt hätte. Er hieße Bodo Völkel und arbeite bei einem großen Baumeister. Er tanze „wundervoll“ und sei sehr klug. Sie habe sich „himmlisch“ mit ihm auf dem Ball unterhalten und ihn einige Male heimlich getroffen. Karla dürfe es nur beileibe nicht der Mama sagen. Denn von ihrer heimlichen Verlobung sollte noch keiner etwas wissen. Bodo sei übrigens auch ganz entzückt von Schmerzchen, das sie immer mit auf ihren Spaziergang nehme. Sie gingen nämlich meist im Tiergarten spazieren, weil dort die beste Luft für Schmerzchen sei. Und wenn Karla erst in Berlin wäre, dann würde Bodo ihr sofort seinen Besuch machen ... „denn Du kannst Dir denken, Mama würde große Augen machen, wenn er so plötzlich käme ...“
Karla lächelte und steckte den Brief in die Tasche. Kindereien! Sie hatte jetzt Wichtigeres vor.
Altmann las noch immer. Es waren acht engbeschriebene Seiten. Sein Gesicht war ernst, ja sorgenvoll. Karla beobachtete das Zucken seiner Brauen, die nervöse Bewegung, mit der er sich um das bartlose Kinn fuhr.
„Was schreibt Adele?“
Altmann überhörte scheinbar die Frage, faltete den Brief zusammen und steckte ihn ein. Dann ging er im Zimmer auf und ab. Ein grübelnder Ausdruck lag auf seinen Zügen.