Nach Tisch stöberte der Papa in der Visitenkartenschale herum. Sie war noch fast leer. Obenauf lag die Karte vom Grafen Gaudlitz.
„Wie kommt ihr zu dem?“ fragte er und klopfte mit dem Kärtchen auf den Daumennagel. „Wohl Schmerzchens Spezialfreund, wie ich sehe? ... Sie soll ihn sich warm halten, das kleine Fräulein .... Kein schlechter Geschmack! Ein scharmanter Kerl ... scharmant. Einer unserer ersten Sportsleute ... hat Preise über Preise, als Segler, Herrenreiter. Zudem Stammgast in der Oper ... die letzte Hoffnung unserer sich nicht verjüngenden Prima ballerina! Kommt manchmal zu uns in den Schachklub ... spielt ... nicht gerade berühmt. Aber selbst Lasker hat sich mal mit ihm hingesetzt ... was tut man nicht für seinen Klub? ...“
Es klang alles ein bißchen ironisch, wie der Papa das so vorbrachte, mit seiner harten, tenoralen Stimme. Aber dabei hüpften seine stahlblauen Augen mit innigem Vergnügen über Altmanns große, sehr aufrechte Gestalt und streichelten Karla, mit einem stummen „ta ta ta, Kleine ... laß ihn nur ein bißchen zerspringen, deinen Mann ... schadet ihm garnichts ...!“
Luise hielt die Zuckerdose. Ihre Augen brannten unter den geraden Brauen. Der Bruder hätte die Karte des Grafen nicht aufzulegen brauchen — das war ungeschickt. Aber daß Karla gar so stumm blieb, das erfüllte sie mit Unruhe. Schrecklich war doch das Theater! Wie auf dem Präsentierbrett stand Karla immerzu! Jeder, der nur wollte, durfte an sie heran und sein Heil versuchen, wenn’s ihn danach gelüstete ...
Adele griff mit spitzen Fingern in die Papierschleifen des Azaleentopfes. Aber es blieb immer nur die Karte „Bodo Völkel“, um ihre mütterliche Neugierde zu befriedigen. Architekt ... das klang nicht übel. Aber von einem Titel konnte man nicht leben. Sie winkte Vicki heran.
„Was ist das mit diesem Herrn? ...“
Vicki legte ihre Wange an den Arm der Mutter.
„Bodo will um mich anhalten, Mama ... und bat Tante, seine Fürsprecherin zu sein ... Tante wird uns helfen ... Tante ...“
„Dummes Zeug ... laß das Papa nicht hören!“
„Ich werde mit der Tante sprechen“, fügte sie hinzu und legte mit einem Blick auf ihren Mann den Finger an den Mund.