Schmerzchen liebte den Papa sehr. — —
Am Abend entwickelte Altmann seinen neuen Plan vor Karla. Sie saß in seinem Zimmer, in einem der bequemen, weichen Sessel, häkelte mühsam an einer roten Bettdecke für Schmerzchen und zählte nun schon zum fünften Male die Maschen. Sie mußte ihrem Kinde etwas arbeiten. Luise und Adele taten sich gar zu viel darauf zugute, daß Schmerzchen Höschen und Röckchen und Jäckchen von ihrer Hände Arbeit trug. Da hatte ihr Pauline eines Tages ein ganz einfaches Muster angefangen.
„Immer lang, junge Frau, einmal hin und einmal zurück. Daran können Sie ein Jahr häkeln. Je größer die Decke wird, um so besser. Und immer an was Freundliches denken dabei, damit’s dem Mädelchen Glück und Wärme bringt.“
Karla arbeitete sehr eifrig in den freien Abendstunden. Und immer dachte sie an etwas „Freundliches“: an ihr erstes Auftreten als Elsa, an wundersüße Teerosen, die sie in einer Vase aus Kopenhagener Porzellan bekommen hatte — ohne Karte, so daß sie gar nicht zu wissen brauchte, von wem sie kamen; an einen himmelblauen Sonntagmorgen, da sie mit Schmerzchen und Alwin Maurer nach Wannsee hinausgefahren war, um sich Bewegung in frischer Luft zu machen; an einen lebhaften Gruß aus einem vorbeisausenden Auto ... An eine Begegnung dachte sie im Tiergarten und an eine zweite bei Schulte, wohin Alwin Maurer sie geführt hatte; wie die Vorstellung gewesen war: Graf Gaudlitz — Dr. Alwin Maurer, und wie Alwin sie fast angstvoll unter den Arm genommen und sie dann weitergegangen waren zu dreien ... an den besten Bildern vorbei ... in hastigem, immerzu stockendem, immer wieder aufflackerndem Geplauder, bis Alwin sagte: „Du wirst wohl nach Hause müssen, Karla“, und Gaudlitz ihre Hand an die Lippen zog — ihren dummen weißen Handschuh küßte ...
Karlas Häkelnadel blieb in der Luft hängen ... nein, daran durfte sie wohl nicht denken, daran nicht ...
„Hörst du zu, Karla?“ fragte Altmann ein bißchen ungeduldig, weil sie so stumm blieb. „Dramatischen Unterricht will ich geben ... hier, bei mir ...“
„Ja ...,“ fiel Karla verwirrt ein, „... ja ... das ist sehr schön, Ernst ... ich freue mich sehr ...“
Altmann zuckte die Achseln und wendete sich ernüchtert ab. Mit Karla war nicht ernsthaft zu reden. Es war nur gut, daß er Luise hatte! Adele würde sicher auch einverstanden sein!
Altmann setzte Ankündigungen in der Zeitung auf. Ein Konservatoriumsleiter, der wußte, daß Karla König Altmanns Frau war, und der sich für seine Gesangschülerinnen einen Vorteil von der Verbindung versprach, meldete sich als erster und verpflichtete ihn für seine Lehranstalt. Allmählich kamen auch Privatschüler. Die Honorarsätze reichten bei weitem nicht an das heran, was Altmann erwartet hatte — immerhin, er verdiente. Und um Karla nicht bei ihrem Partienstudium und ihren Übungen zu stören sowie selbst nicht gestört zu werden, ließ er an alle Türen dicke Vorhänge anbringen, die jeden Schall dämpften.
Leise, fast unhörbar glitt Luise in der Wohnung umher. Ihr Klopfen wurde durch die Vorhänge wirkungslos, und sie stand oftmals wie ein Gespenst, ganz unvermutet, im Musikzimmer.