Karla feierte Weihnachten mit ihrem Kinde.
Hatte es feiern wollen — aber so ein kleines Wurm verschwand ja unter den vielen Großen. So sah sie nur einen kerzenstrahlenden Baum, eine lange, weiß gedeckte Tafel, auf der mit Tannenzweigen die Geschenkplätze abgegrenzt waren, sah Haufen zerdrückten Seidenpapiers, die erhitzten hageren Wangen von Luise, das gemessene Hin- und Herschreiten Altmanns, Adelens neugieriges Herumschnüffeln, hörte Lärmen und Lachen, das Hackenzusammenschlagen von Fritz und fühlte das unablässige Umarmen von Vicki.
Irgendwo auf dem Teppich aber krabbelte Schmerzchen — ernsthaft, gesammelt, sehr bedacht, daß niemand ihr etwas von ihrem Spielzeug nahm oder sie mit lästigen Fragen störte. Lautes Lachen, Kreischen und Jubeln, wie Karla es erhofft hatte, hörte sie auch jetzt nicht.
„War das Christkindel nicht gut, Schmerzchen .... sag’, war es nicht ein liebes Christkindel?“
Schmerzchen nickte. Schmerzchen hatte in ihrem kurzen, aber mit tiefgründigen Betrachtungen erfülltem Leben bemerkt, daß die Großen immer nur fragten, wenn sie eine Zustimmung erwarteten. Von Zeit zu Zeit blickte Schmerzchen auf die Mama. Die Mama hatte ein weißes Kleid an, mit vielen großen, schönen Löchern, unter denen es blau und grün und rosa schillerte. Schmerzchen hätte gar zu gern ihre Finger in die Löcher gesteckt — immer so drei auf einmal ... Aber sie wußte, daß es dafür Klapse gab. So beschloß sie, lieber der Mama den Rücken zu kehren, um der Versuchung auszuweichen — — —
„Das ‚Liebesleben in der Natur‘ von Bölsche ... von wem hast du denn das, Karla?“ fragte Adele und hob drei grau gebundene Bücher mit leisem Ekel um die Mundwinkel in die Luft.
„Von Alwin ... warum?“
„Nichts ... ich meinte nur ...“
Und Karla hatte dem Schwager eine „großartige“ Büste von Nietzsche geschenkt, als „dankbare Schülerin“ ...! Ein bißchen faxig war es zum mindesten ...