Jedesmal, wenn Alwin an der Büste, die auf einem schwarzen Sockel stand, vorbeikam, glitten seine Finger wie streichelnd über den weißen Gips.
Der Papa war nicht zu bewegen gewesen, das Fest mitzufeiern.
„Weihnachten ... Stollen, Kerzen ... kenn’ ich, kenn’ ich ... Bin große Familienfeste nicht mehr gewöhnt ... ta, ta, Kleine ... ein andermal ..! Pauline macht mir einen polnischen Karpfen ... delikat — Bei Borchardt nicht besser ... dazu einen feinen Mosel ... Werde auf dein Wohl trinken, Kleine ... um zehn kommt ein Klubfreund ... da spielen wir noch eine, zwei Partien ... Pauline liest in ihrem neuen Andachtsbuch — weiß Elfenbein, bitte — raschelt mit ihren gestärkten Röcken ... mag ich gern hören, klingt so propper ... bringt uns was zu knabbern — ein Gläschen Grog ... ganz leicht ... einmal ist keinmal ... Vor dem Schlafengehen eine Patience ... zanke mich noch ’n bißchen mit Pauline ’rum ... und dann in die Klappe. Tja ... und wenn ich dann träume, daß meine Tochter eine große Primadonna ist ... dann war’s das schönste Weihnachten, das ich mir wünschen kann! ...“
Und während des Lärmens um den feierlich strahlenden Baum, während der Fragen und Ausrufe der Schwägerinnen, der geschwisterlichen Anrempeleien von Fritz und Vicki, der tönenden Weisungen und Ansprachen Altmanns — sehnte sich Karla plötzlich in das stille, helle Zimmer des Papa, an den runden Tisch unter der friedlich brennenden Lampe, um den herum das „proppre“ Röckerauschen von Pauline einen altbackenen Duft traulicher Gemütlichkeit verbreitete ...
Und doch sollte Karla an diesem ersten Weihnachtsabend in ihrem Hause eine erste große Freude erleben.
Ein Wattebäuschchen, das als Schnee auf einem Tannenzweig lag, hatte unbemerkt Feuer gefangen, während Karla „Stille Nacht, heilige Nacht“ am Klavier sang. Ein trockener Zweig flammte auf — ein zweiter ... Fritz bemerkte es als erster und stürzte an den Fernsprecher in Altmanns Zimmer, um die Feuerwehr herbeizurufen, während alle sich, so gut es ging, mit dem Löschen befaßten.
Karla riß vor allem Schmerzchen aus ihrem neuen hübschen Rohrsessel auf, von dem sie wie aus einer Loge dem immer mehr um sich greifenden Brand mit großen, glänzenden Augen hochbeglückt zugesehen hatte, ohne auch nur im entferntesten daran zu denken, die Großen zu rufen, die ja doch nur Störenfriede waren.
Als die Feuerwehr kam, war es höchste Zeit. Die Herren hatten die Tafel und alle Möbel zur Seite gerückt, das weiße Laken fortgerissen, das das Tannenkreuz zudeckte. Das Mädchen hatte Wassereimer angeschleppt, und die Damen tauchten alles, was an Besen und Lappen vorhanden war, ein, um den Baum zu nässen. Als der schwelende Rauch das Löschen kaum noch möglich machte, ratterte die Feuerwehr heran.
Karla kümmerte sich um nichts. Sie hatte Schmerzchen ausgezogen und streifte ihr unter tausend kleinen Neckereien und Küssen das Nachthemdchen über den frisch abgeriebenen Körper. Schmerzchen hatte selbst die abendliche Abreibung verlangt, hatte selbst Schwamm und Seife angebracht, mit allerlei drolligen Belehrungen der Mama gezeigt, wie sie es zu machen hätte. Und dann hatte Schmerzchen gelacht, richtig gelacht wie andere Kinder, wenn das kalte Wasser ihr über das zierliche Körperchen lief. Denn es war zum ersten Male lustig, dieses „Abreiben“ — nicht nur gesund, wie Tante Lis’ immer sagte. Und Karla lachte mit, in aller Herzensseligkeit. Was scherte sie das Poltern am Ende des Ganges, das Läuten der Feuerwehr ... das Schreien und Türzuschlagen, was scherte sie der Brandgeruch, der sich leise bis ins Hinterzimmer schlängelte — mochte doch alles verbrennen dort drüben — die großartigen Speisezimmermöbel und die Vorhänge und ... das ganze Zeug, an dem sie mit keiner Faser ihres Herzens hing! Sie hatte ihr Schmerzchen im Arm ... und Schmerzchen lachte ihr zu und warf die Ärmchen um sie ... und wenn die ganze Wohnung in Flammen aufging, dann packte sie ihr Kind in die Decke ein und lief mit ihm hinunter auf die Straße — — und zum Papa in das helle, stille Zimmer, legte es unter die Bilder und Kränze und Schleifen und hütete seinen Schlaf eine lange, wunderschöne Christnacht durch ...
So gut aber sollte es ihr nicht werden. Luise kam herein, abgehetzt, noch zitternd an allen Gliedern.