„Vom Komitee ...“

Stumm saßen sie nebeneinander. Gaudlitz wußte, daß man Sängerinnen vor ihrem Auftreten Ruhe gönnen muß. Aber plötzlich brach Karla das Schweigen, wie aus einem langen Gedankengang heraus: „... und die wunderbare kleine Vase habe ich auch auf den Boden geworfen ... Scherben sind alles, was geblieben ist ... Ich könnte mich — ja wirklich, ich verdiene Ohrfeigen ... aber ich war immer so ... Wenn mich der Zorn packt, dann — Wissen Sie, Graf, ich glaube, das ist eben, wenn man zu früh aus dem Elternhause kommt ... So, was man Erziehung nennt ... das habe ich eigentlich nie recht gehabt. Erst später ... da haben sie alle an mir herumerzogen ... aber das nützt dann wohl nicht mehr viel ... Darum darf ich ja auch mein eigenes Kind nicht erziehen ... vielleicht kann ich’s auch wirklich nicht ... es ist doch furchtbar schwer, scheint es ... Selbst die besten Mütter ... wissen Sie, so die bürgerlichsten, meine ich ... selbst denen gelingt’s nicht immer ...“

„Sie haben Ihr — Schmerzchen heißt es doch? — das haben Sie wohl sehr lieb?“

„Ob ich das liebhabe!“

Ihre Augen waren plötzlich wieder feucht. Er sah sie von der Seite an und sagte: „Sie sind so wie Ihre Stimme. Alles Empfinden quillt so natürlich aus Ihnen heraus. Meine Schwester wird vernarrt in Sie sein. Wenn sie nicht den Reichenberg geheiratet hätte, sie wäre gewiß auch zur Bühne gegangen. Sie hat lange Jahre bei der Marchesi in Paris studiert ... ist durch und durch Künstlerin. Alles, was Ruf und Namen in Wien hat, verkehrt bei ihr.“

Er brach ab und fragte unvermittelt: „Wird von Ihrer Familie jemand in der Philharmonie sein?“

„Mein Mann sollte kommen und mein Schwager mit Frau und Tochter ... ich habe ihnen die Freikarten gegeben. Aber — heute kommen sie gewiß nicht ...“

Als Karla, von warmem Beifallsrauschen empfangen, das Podium betrat und ihre Augen über das Publikum flogen, setzte ihr Herz plötzlich im Schlagen aus. In der sechsten Reihe hatte sie Alwin Maurer und Vicki erblickt. Vicki war sehr blaß und hatte dick geschwollene Lider. Ihre Augen jagten unstet die Reihen entlang; sehr oft wendete sie den Kopf, um hinter sich zu sehen. Alwin Maurer hatte die Hände mit dem Programm übereinandergelegt. Sein Gesicht war ruhig und drückte nur ein freudiges Vorgenießen aus. Unter den Herren, die sich seitwärts an den Logen drängten, stand Bodo Völkel. Er war kaum zu erkennen, weil er sich den spitzen, dünnen Schnurrbart hatte abnehmen lassen. Jetzt trat die harte, verbissene Linie seiner Lippen erst recht hervor, aber das Gewöhnliche, vor dem Karla eine starke, unbewußte Abneigung hatte, war verschwunden.

Karla hatte an diesem Abend ihren größten Erfolg in Berlin. Immer und immer wieder rief man sie heraus, brüllte ihren Namen.

Gaudlitz, umringt von einigen seiner Freunde aus dem Automobilklub, fachte das Feuer der Begeisterung immer aufs neue durch dröhnendes Klatschen an. Sie sollte mal eine recht große Freude haben, die Karla König!