Es war ein letzter schwacher Einwand. Adele nahm aus ihrem Täschchen einen bereits gefalteten Briefbogen im Umschlag. Sie hatte an alles gedacht! Karla schrieb, zögernd, förmlich und kindlich in ihren unausgeschriebenen, naiven Schriftzügen.

Die Nachschrift fehlte nicht, die den ganzen Brief umwarf, in dem sie Bodo Völkel als einen der talentvollsten jungen Baumeister empfahl, für dessen Empfehlung er ihr noch dankbar sein würde: „... ach bitte, lieber Graf Gaudlitz — lassen Sie ihn kommen und geben Sie ihm etwas zu tun, er heiratet meine Nichte, und sie sind beide ganz arm. Wo die Krippe leer ist, da beißen sich die Pferde ... Ich habe große Sorge um meine kleine Nichte ... wissen Sie noch, das hübsche blonde Mädchen, das in der Philharmonie ohnmächtig geworden ist? ...“

Karla las von ihr Geschriebenes nie nochmals durch. Hastig schob sie den Bogen in den Umschlag ...

„Ja ... aber die Adresse ...“

Adele wußte sie auswendig. — — —

— — — An Vickis Hochzeitstafel in einem bescheidenen Weinlokal der Potsdamer Straße wurde auf das Wohl des Grafen Gaudlitz getrunken, der Bodo Völkel mit den Plänen für ein stilisiertes kleines Bauernhaus betraut hatte. Der Onkel des Bräutigams brachte das Hoch aus. Und er sagte:

„Am Talent meines Neffen habe ich nie gezweifelt — es mußte sich nur mal durchsetzen!“

Die neue Nichte gefiel ihm gut. Es kostete ihn nichts. Aber er fühlte sich als der Begründer eines jungen Glückes — denn er hatte auf Altmanns Veranlassung seinem Neffen geschrieben, daß er ihn enterben würde, falls er nicht augenblicklich und in aller Form um Fräulein Viktoria Maurer anhielte. „Nicht acht und nicht drei Tage Bedenkzeit — nur vierundzwanzig Stunden.“

Das hatte gewirkt. Dafür konnte er sich schon das Vergnügen leisten, Vicki, sooft es anging, zu tätscheln und unters Kinn zu fassen. Das kostete auch nichts.

Vicki hatte Karlas prachtvolle weiße Konzerttoilette als Brautkleid bekommen. Der Goldbesatz war entfernt, und es schmiegte sich in keuschen Falten an Vickis füllige Formen.