Luise liebte Karlas leidenschaftliche Ausbrüche nicht. Ein Kind mußte mit ruhiger Strenge und gleichbleibender Freundlichkeit behandelt werden — zumal ein so nervöses Kind wie Isolde.

Eines Morgens, zwei Tage vor ihrer Abreise, wurde für Frau Karla König ein großer, kunstlos gebundener Blumenstrauß abgegeben, mit einem Briefe. Der Brief war unterzeichnet: „Ihre Sie hochschätzende Alice Fürstin Reichenberg“. Karla wurden die Wangen rot und heiß. Es war doch schrecklich, daß sie sich nicht mal für die Dauer weniger Minuten abschließen konnte. In fliegender Eile las sie:

„Verehrteste Frau! Verzeihen Sie meine unbescheidene, nicht ganz übliche Bitte — aber eine kleine Verstauchung, die ich mir beim Aussteigen aus dem Zuge geholt habe, fesselt mich an das Haus. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, und Ihnen meinen Besuch zugedacht. Würden Sie nun über äußere Förmlichkeit hinweg einer armen Kranken ein halbes Stündchen Gesellschaft leisten? Ich habe so viel Schönes von Ihrer lieben, herrlichen Stimme gehört und glaube, daß Sie auch ein lieber, einfacher Mensch sind, der eine erzwungene Formlosigkeit nicht übelnimmt. Wenn Sie kommen, dann nennen Sie dem Überbringer die Stunde, damit ich Ihnen den Wagen schicke, der Sie zu mir nach Wannsee herausbringt, wo ich abgestiegen bin. Darf ich mich bestimmt auf Sie freuen?

Ihre Sie hochschätzende

........“

Draußen wartete ein Diener.

„Sagen Sie ... Sagen Sie ... eine Empfehlung .. Wenn der Wagen heute nachmittag um vier Uhr hier sein kann, dann wird es mir ein Vergnügen sein ...“

Sie sprach abgerissen, wie nach eiligem Lauf.

Luise strich im Gang umher.

„Wer ist denn das?“