„Nun noch etwas zum Mitnehmen“, sagte sie und sang als Abschied ein einfaches, schönes Lied. Glockenrein erhob sich ihre Stimme über dem Wasser, wie ein Gebet. Die Männer zogen die Ruder ein und nahmen die Mützen ab. Leise schlugen die Wellen ihre plätschernde Begleitung gegen den Kahn — — —
Als Karla König in die Halle des Stettiner Bahnhofs in Berlin einfuhr, überkam sie etwas wie Schuldbewußtsein. Um ganze acht Tage hatte sie ihren Aufenthalt an der See verlängert — weil sie nach einem schönen Erlebnis nicht sobald zurückfand in den Alltag ihres Berliner Lebens. Nun hatte sie vier wundervoll friedliche Wochen verbracht in der schönsten Luft, während ihr Mann den Staub der Stadt eingeatmet und seine Stunden gegeben hatte. Sie wollte sehr sanft und sehr gut sein zu Hause. Luise und ihr Mann sollten es empfinden, daß sie das Opfer, das sie beide ihrem Wohlergehen gebracht hatten, zu schätzen wußte.
Altmann empfing sie am Zug. Sie war erstaunt, wie wohl er aussah. Kaum mehr schlank — ein sehr stattlicher, nicht mehr junger Herr, der behaglich seines Lebens frühen Herbst genoß und nur leidend die Lippen herabzog, wenn etwas sein Behagen störte.
„Na, das ist schön, daß du wieder da bist, Karla ... Es war ja ein bißchen gegen die Abrede, aber wir haben dir die paar Tage gegönnt — von Herzen gegönnt.“
Ähnlich sprach Luise.
Schmerzchen stand in einem langen, wollenen Morgenröckchen im Speisezimmer, ein weißes Tüchelchen um den Hals. Sie war sehr gewachsen, war sehr blaß und hatte große braune Augen, die ernst und abwartend blickten.
„Was ist ... was ist denn mit Schmerzchen?“
Karla hatte das Kind zu sich auf den Schoß gezogen und bedeckte das feine, nußbraune Haar mit leidenschaftlichen Küssen. Die Geschwister wechselten einen Blick.