Und er nickte: „Ich war ja bei ihm ... es ist nichts. Ein nervöses Magenleiden ... ich sollte das Rauchen aufstecken. Aber die zwei Zigarren täglich ... wenn man darauf auch verzichten soll ...“
Das gab ihr jedesmal einen Stich. „Darauf auch!“ Das andere war Karla. Mit seinen regelmäßigen Besuchen in der Landgrafenstraße war es vorbei. Die Zeit dazu brachte er nicht mehr auf. Und abends war er wie abgeschlagen, hielt sich kaum noch beim Abendbrot aufrecht und schlief mit der Zeitung in der Hand in der Sofaecke ein.
Dann sah sie es recht deutlich, beim weißen Schein der Gaskrone, wie schlecht er aussah, wie tief seine Augen eingesunken waren, wie schlaff die Haut ihm um die Wangen hing. Auch sein Haar hatte sich bedenklich gelichtet, das wellige, blonde Haar, das es ihr einst angetan hatte! An den Schläfen ringelten sich graue Büschel, und auch der kurze blonde Bart war mit Silberfäden durchsetzt.
Es kam vor, daß Adelens Augen sich feuchteten und eine bange, stumme Frage ihr aus dem Herzen stieg: Warum war er ihnen so schwer geworden, der Kampf mit dem Leben, warum hatte ihr armer Mann seine Tage in Arbeit und Mittelmäßigkeit verbringen müssen, während so manch anderer über seinen Kopf hinweg höher gestiegen war?
Was hatte die Tatkraft ihres armen Mannes so gelähmt, daß er nie über seine erste Stellung hinausgewachsen war?
Adele sprach darüber mit Luise, mit dem Bruder. Sie wußten keine Antwort darauf, alle drei nicht! Adele hatte in allem ihre Pflicht getan. Mehr als ihre Pflicht. Sie hatte keine Ansprüche gestellt, hatte ihre Kleider länger getragen als es ihre Dienstmädchen taten, hatte Stoffe gewendet, geflickt, die Kinder gewartet. Hatte die Schwester zum Verlassen des Hauses gedrängt, um ihrem Manne mehr Bewegungsfreiheit einzuräumen, hatte stundenlang darüber nachgedacht, was sie wohl kochen könnte, und ihm dann das Beste vorgesetzt, was ihre Kunst und ihr Wirtschaftsgeld hergaben, hatte durch Betteleien beim Bruder, bei Karla die Sorge um die Kinder fast zur Hälfte auf sie abgewälzt, hatte die Tochter verheiratet — in stetig wachsender Angst um ihre Zukunft und in Sehnsucht nach einem friedlichen Alter, hatte, ohne ihn mehr als nötig davon zu unterrichten, gerechnet und gespart ... und dennoch — — trotz allem und allem hatte ihr Wohlstand sich nicht vergrößert, waren seine Kräfte verbraucht, seine Gesundheit untergraben, seine Lebensenergie erschlafft! — —
So saß denn Dr. Alwin Maurer auch an diesem Sonntag mit müdem, grauem Gesicht am Abendtisch und kaute an seiner Zigarre. So recht schmecken wollte der Glimmstengel nicht mehr! An den zwei Pfennigen, die er jetzt weniger bezahlte, konnte es doch nicht liegen!
Wie früher so darauf lospaffen konnte er ohnedies nicht mehr, seit Fritz wie ein Schlot rauchte. Und unter einer Fünfpfennigzigarette tat der’s nicht! Konnte er den Häusern, in denen er verkehrte, gar nicht zumuten! Überhaupt, was der Junge verbrauchte an Handschuhen, an Blumen! Er fühlte sich schon ganz als Leutnant, machte Hausbälle mit bei den Eltern seiner Kameraden, hielt sich für verpflichtet, Aufmerksamkeiten zu erweisen.
„Die paar Blumen ... Bitte dich, Papa ... Ist doch selbstverständlich!“
Es war vieles „selbstverständlich“ für Fritz, und Adele unterstützte ihn, fand nie etwas zu viel für ihn. Es war ja auch nicht viel; aber es mußte da sein.