Die Sorgen hatten sich jedenfalls nicht verringert durch das Fernsein der Kinder.

Und während Dr. Alwin Maurer träge an seiner Zigarre zog, dachte er, daß es eigentlich schon ein Alteleutetisch war, an dem er jetzt mit Frau und Geschwistern saß. Wie schnell die jungen Jahre doch vergangen waren! Und wie wenig Jugendlust in ihnen gewesen war ... wie wenig Freudigkeit und Vorwärtskommen!

Draußen klingelte es, Adele ging öffnen — es war Karla.

„Endlich ... Na ...? Wie war’s? ...“

Karla brachte eine Welle frischen Duftes mit in ihrem Pelz, ihrem Spitzentuch; sie lachte, war ganz freudige Bewegung, ihr langes Schleppkleid rauschte über die Läufer.

„Habt ihr was zu essen für mich? Ich sterbe vor Hunger ...“

Sie hielt ihre Wangen hin, drückte die ausgestreckten Hände.

„Ja ... es war wunderschön! Eine Menge Prinzen und Prinzessinnen waren da — ein Großherzog. Uniformen ... auch ein paar Fracks. Der Kaiser erschien später ... aber gerade, bevor ich drankam ... Er war so guter Laune ... hat mir die Hand gereicht: ‚Na, Frau König ... was singen Sie uns Schönes?‘ Ich konnte meinen Knix kaum zur Hälfte machen, da sprach er schon auf mich ein! ... Ich weiß gar nicht, was ich geantwortet habe! ... Na ja — im ersten Augenblick, nicht wahr? ... Und die Kaiserin — so liebenswürdig hat sie gelächelt, und ein Kleid aus hellblauem Samt hat sie angehabt und eine lange weiße Boa aus Straußfedern.“

Die Jettperlen ihres schwarzen Spitzenkleides glitzerten und klirrten aneinander bei jeder ihrer Bewegungen. Ihr dunkles Haar bauschte sich in großen Wellen um ihr froh belebtes Gesicht.

„Weißt du noch, Ernst ... mein erstes Hauskonzert bei Astrongs ... wie man da eine Schnur um uns gezogen hat? Jetzt kann ich’s verstehen. So eine Schnur braucht wohl jeder Mensch — nur daß sie bei dem einen zu sehen, bei dem anderen zu fühlen ist. Man muß nur innerlich spüren, wo sie anfängt. Ein bißchen Tastsinn muß man haben, denke ich mir, nicht wahr? Und darum bin ich so froh ... weil ich mich heute gar nicht an ihr gestoßen habe ... keinen Augenblick. Ich durfte singen und reden, wie mir der Schnabel gewachsen war, mit all den großen Herrschaften, und wenn’s wirklich einmal nicht ganz nach der Etikette ging, so habe ich doch gleich gesehen, daß mir keiner darum böse war. Nur zum Essen bin ich nicht gekommen — und es waren doch so herrliche Brötchen und Kuchen und alles mögliche da. Aber ich glaube, ich habe fünf Tassen Tee nacheinander in die Hand gekriegt und kaum einen Schluck zu mir genommen aus jeder Tasse ...“