„Nein, warum ...? Gerade heute ... ja, gerade heute, neben dem Zimmer, wo sich die Majestäten befanden, habe ich über dich gesprochen ...“
„Über Alwin? Wie das?“ Altmann trat wieder nahe an den Tisch heran — auch die Schwestern rückten näher.
„Ja, das kam so ... Nachdem ich gesungen und die hohen Herrschaften mir Freundlichkeiten gesagt hatten, stand ich plötzlich — ich weiß nicht wie — im Nebenzimmer. Wie ich nun dastehe — eine ganze Menge Herren um mich herum, und der eine sehr nett — Orden von da bis da ... na, also dieser Herr spricht nun ganz besonders viel mit mir. Wo ich studiert hätte und wo ich geboren wäre, wo ich wohnte, und ob ich viel in Gesellschaften herumkäme, ob ich eine große Familie hätte, Kinder und so weiter. Schließlich wurde ich ärgerlich und platzte heraus: Ich habe ein kleines Mädchen, namens Isolde, eine Schwägerin Luise, noch eine Schwägerin Adele, einen Schwager Dr. Alwin Maurer, Oberlehrer am ... und da unterbrach er mich! ‚So ... so ... das ist ihr Schwager? Ach was!‘ Und weil ich ihn ganz dumm ansehe, erzählt er, daß er vor soundsoviel Jahren Dezernent im Kultusministerium gewesen wäre. Und damals sei ihm dein Name aufgefallen. Du hättest, sagte er, einen so famosen Aufsatz geschrieben über ... Herrgott, wie war das doch ... über den Unterricht alter Sprachen oder so was Ähnliches ... stimmt doch, nicht? Also diesen Aufsatz hatte er gelesen, und er hätte damals jedes Wort unterschreiben mögen. Und es wäre sehr mutig von dir gewesen in deiner Stellung, so etwas auszusprechen, und er hätte gleich Erkundigungen über dich eingezogen und hatte schon große Dinge mit dir im Sinn, aber dann hättest du alles zurückgenommen ... sagte er ... oder ... also ich weiß nicht mehr genau, wie das war; jedenfalls ..“
Karla fiel das Besteck aus der Hand.
„Um Gotteswillen, Alwin ... was ist dir ... was ist euch ...?“
Sie sprang vom Stuhl auf, starrte entsetzt auf den Schwager. Die graue Farbe seines Gesichtes war bleiern geworden; aber auch ihr Mann und die Schwägerinnen hatten sich verfärbt. Blicke, die sie nicht begriff, flogen von einem zum andern. Adelens Lippen zitterten, Luisens Hand krampfte sich in das Taschentuch ein.
Alwin Maurer stierte immer geradeaus.
„So sagt doch ... was ist Euch ... was ist geschehen?“
Karla war dem Weinen nahe.
„Nichts“, sagte Altmann. „Nichts jetzt ... das ist lange her ...“