Karla zählte Tage und Stunden, die sie vom Wiener Gastspiel trennten. Aber es gab noch endlose Auseinandersetzungen darüber, ob ihr Mann sie begleiten sollte oder nicht.

Luise blickte trübe in die Zukunft. Wenn Karla Erfolg hatte in Wien, würde sie nur daran denken, dorthin zu übersiedeln! Sie alle nach Wien? Das war Wahnsinn! Luise fühlte sich nicht mehr jung genug dazu. Sie sah auch für den Bruder nichts Gutes. Was sollte er in Wien? Sein streng norddeutsches Wesen war ihnen drüben fremd. Sollte er dort nur als der Mann seiner Frau herumlaufen oder sich in der Einsamkeit vergraben? Luise verwünschte das Wiener Gastspiel.

Karla aber traf auf dem Heimwege von den Proben — zu oft, als daß es Zufall sein konnte — Gaudlitz.

Er tat immer sehr überrascht, aber die spitzbübische Freude, sie abgefaßt zu haben, leuchtete ihm aus den Augen.

Manchmal gingen sie noch eine Stunde im Tiergarten spazieren, ehe sie sich trennten, und Karla bestieg dann das erstbeste Auto, um die Tischzeit nicht zu versäumen.

Aber es kam doch vor, daß das Mädchen mit dem Auftragen warten mußte, und dann stand Luise am Fenster des Musikzimmers und spähte mit zusammengezogenen Brauen auf die Straße hinaus.

„Die Probe hat heute mal wieder lange gedauert“, sagte Altmann.

Er war arglos. Aber Luise ließ Karla nicht aus den Augen. Und Karla fühlte, wie unter diesem bohrenden, stechenden Blick jedes Wort und jede Bewegung von ihr alle Unbefangenheit verloren.

Die erste, wie sie selbst erst dachte, zufällige Begegnung mit Gaudlitz hatte sie erzählt. Luisens Gesicht war nicht angetan, sie in ihrer Offenheit zu bestärken, und so erwähnte sie seinen Namen nicht mehr. Aber ihr Schweigen wurde der Schwägerin noch verdächtiger, und Karla merkte, wie die Röte ihr oft ins Gesicht stieg während der mittäglichen Stille am Eßtisch.