Der Papa steckt ärgerlich seine zwei langstieligen Rosen in die Manteltasche und machte kehrt.
Dem Gaudlitz lief er den Rang ja doch nicht ab.
Fürstin Alice Reichenberg schickte einen langen Brief an ihren Bruder. Es war viel darin die Rede von Karla „... Alles ist in Wien auf Karla König gestimmt. Sie hat einen beispiellosen Erfolg gehabt und ihr Gastspiel auf weitere vierzehn Tage verlängern müssen. Kein Modegeschäft, das nicht seine ältesten Ladenhüter unter der Patenschaft ihres Namens wieder in Schwung bringt. Die Schrammeln singen ein G’stanzl auf sie bei Brady. Ronacher hat einen Karla-König-Schampus als neue Hausmarke eingeführt. Die Fiaker vor ihrem Hotel in der Weihburggasse reißen sich um die Ehre, sie fahren zu dürfen. Bösendorfer hat ihr einen herrlichen Flügel zum Geschenk gemacht, die Erzherzoginnen geben Soireen, in denen Karla die ‚große Attraktion‘ bedeutet. Die ersten Blätter bringen Abhandlungen über sie, — heute von einem ersten Musikschriftsteller, morgen von einem Laryngologen, übermorgen von einem Ästheten. Sie ist berühmt, sie ist populär, sie wird bewundert, umworben, geliebt. Und sie tut gar nichts dafür: sie singt, sagt ein paar liebe Worte — nicht übermäßig bedeutend und nicht übermäßig originell; aber wie sie sie sagt — das gewinnt jedes Menschen Herz. Sie steht immer da wie eine, der von allen Seiten Blumen zugeworfen werden, und die sie alle auffangen, keine zu Boden gleiten, keine zertreten lassen will. Das spürt ein jeder, und das ist ihr großer Reiz. Man muß ihr gut sein, muß es ihr immer und immer wieder zeigen, denn ihre Freude hat etwas Erwärmendes und Beglückendes. Selbst mein großer und mein kleiner Rudi sind unter ihrem Bann. Der kleine Graf Doczy aber hat ganz den Kopf verloren. Seine Mama kam vorgestern zu mir und fragte recht naiv, ob man denn die König nit ausweisen lassen könnt’ — ihr Bub wäre toll geworden, hätte die Komtesse Löwenstein von heute auf morgen plantiert, wo er doch wüßte, daß die Ausstattung schon bei Braun bestellt worden sei. Gestern sah ich die Komtesse mit den Doczys in der Oper — sie hat Karla ihr Brustbukett zugeworfen! Ich glaube, sie würfe ihr den kleinen Doczy am liebsten nach, trotz seiner Millionenbesitzung im Böhmischen und der Aussicht, Sternkreuzdame zu werden .... Andeutungen, die Du machtest, mein lieber Junge, erfüllen mich mit großer Sorge. Wenn Du auch stark genug wärest, die Schwierigkeiten zu besiegen, die innerer Art sind und in ihren Familienverhältnissen ihren Ursprung haben — aber wie willst Du es fertig bringen, Karla aus ihren jetzigen Triumphen zu reißen? Dein Vermögen dürfte sie kaum bestechen — sie hat ein Vermögen in ihrer Kehle. Dein Name? Es hat viele nette Gräfinnen Gaudlitz gegeben, aber nicht viele Karla Königs! .. Zudem: Du hast eine Stadt gegen Dich, mein lieber Hans Jochen! Wien würde in seinem augenblicklichen Karla-König-Rausch den Mann steinigen, der sie ihm entführte. Es sind sehr ernste Verhandlungen zwischen der Wiener und der Berliner Hofopernbühne im Gang, um Karla jetzt schon an Wien zu fesseln. Karla unterstützt diese Verhandlungen aufs lebhafteste durch ein großes Aufgebot von persönlichen Beziehungen. Es liegt ihr offenbar alles daran, hierzubleiben. Was Dich betrifft — so wirst Du begreifen, daß ich jede Vermittlung ablehnen muß, solange die Verhältnisse ungeklärt sind. Dein Name fällt nie zwischen uns — darf nie fallen, bis Karla nicht innerlich zu einem Entschluß gekommen ist.“
Gaudlitz lächelte, als er diesen Brief las. Sein Name „fiel nicht“ zwischen den zwei Frauen .... Er hätte Karla soviel Zurückhaltung kaum zugetraut. Und die sagte mehr, als wenn sie ihn nach ihrer offen-kindlichen Art immer auf den Lippen gehabt hätte.
Und noch mehr bedeutete es für ihn, daß sie in Wien bleiben wollte, daß sie sich zu einer Trennung von ihren Angehörigen entschloß ....
Als er das im Schachklub, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, als ein „Wiener Gerücht“ ihrem Papa erzählte, blitzten die blauen Augen des alten Herrn zum ersten Male freundlich auf:
„So ... Sie glauben? Das wäre wirklich möglich? Hm ... Ausgezeichnet ... sehr vernünftig ... endlich mal ... endlich“ ...
Der Papa hatte ganz heiße Wangen und verlor die Partie nach wenigen Zügen.