Der Vorhang fiel ein zweites Mal herab. Brausende, tosende Rufe erfüllten die heiße Luft.

Karla erschien wieder und immer wieder. Durch sein großes Opernglas konnte er jeden Zug in ihrem Gesicht erkennen. Er sah auch, wie sie plötzlich stutzte, wie durch die Schminke hindurch ein heißes Rot ihr in die Schläfen stieg und ihre Augen sich starr auf eine Loge richteten. Er beugte sich vor, hob sein Glas bis zur Höhe des ersten Ranges. Da schoß auch ihm das Blut zu Kopf, und seine geraden, dichten Brauen zogen sich heftig zusammen.

In einem nilgrünen, tief ausgeschnittenen Samtkleid, Brillanten und Perlen um den blendend weißen, schlanken Hals, zwei flimmernde Brillantsterne im tiefgewellten, leuchtend roten Haar saß Mariette de Santos. Neben ihr John Russel, in Frack und weißer Binde, den kühnen Abenteurerkopf vorgebeugt über die Brüstung, die Hände mit den krallenartigen Nägeln zu lautem Klatschen vorgestreckt. Hinter dem Stuhl seiner Frau stand Don Pedro de Santos. Sein Bart lag jetzt lang und breit wie ein Fächer auf dem bläulichweißen Frackhemd. Er stand da, regungslos, feierlich, wie es seine Art war, mit dicken, müden Lidern und sattem Besitzerlächeln.

Elegant und temperamentvoll schlug Madame de Santos ihren Spitzenfächer gegen den Rücken ihrer Hand, auf die Gefahr hin, ihn zu zerbrechen, ergriff dann einen Teerosenstrauß, der vor ihr auf dem roten Samt der Logenbrüstung lag, und warf ihn mit graziösem Schwung auf die Bühne.

Er flog Karla zu Füßen. Sie bückte sich nicht nach ihm und übersah es, daß ein Kollege ihr ihn reichte. Mit einer letzten Verneigung ging sie ab und kam trotz allen Rufens und Tobens nicht wieder.

Die Luft wurde Altmann eng und schwül. Er glaubte ersticken zu müssen. Mit den Ellbogen bahnte er sich einen Weg aus dem Menschenknäuel heraus und stürzte die endlosen steinernen Treppen hinunter.

Auf der stillen, frostig kalten Ringstraße aber blieb er stehen und schöpfte tief Atem.

Hatte er das nicht schon einmal empfunden? Hatte er das alles nicht schon einmal erlebt ...? Wo nur? ... Wann? ...

Und plötzlich wußte er es.

An jenem Abend war es, da die Nordeni von ihrem Elternhause sprach, von ihrem Vater, der gekommen war, sie zu hören, und dann davongegangen war auf Nimmerwiederkehr ... an jenem Abend, da auf einer mondbeglänzten Terrasse Brasiliens ein rotes Schöpfchen vor ihm hergegaukelt war, ihn um all seine Besonnenheit gebracht hatte ...