Kaum je war ihm der Abend noch eingefallen. Nie hatte er mehr dieses kurzen Abenteuers gedacht, und nie anders, als mit heimlichem Ärger über sich, mit kalter Verachtung gegen das kokette Pariser Grisettchen.

Er hatte Karla albern und geschmacklos gescholten, als sie einst darauf zurückgekommen war, hatte es nicht mal der Mühe wert gefunden, sich ihre Verzeihung zu erbitten — und nun hatte er gesehen, wie auch jetzt noch alles harte Abwehr in ihr war gegen die Frau, um die er ihrer nur auf kurze Stunden vergessen? War er denn selbst an allem schuld, an der Entfremdung, der Ferne zwischen ihnen? ... Hatte diese Entfremdung nicht schon damals begonnen in Brasilien, und hätte er den Weg noch finden können zu ihr, als sie aus bangem Schauer heraus ihm an den Hals geflogen war am Totenbett der Nordeni?

Altmanns Schritte hallten in den menschenleeren engen Gassen der fremden Stadt, die ihn dünkte wie ein unentwirrbares Labyrinth. Nun stand er zum fünften oder sechsten Male vor der Stefanskirche. Aber er mochte nicht fragen, ließ sich die Richtung nicht gerne weisen. Und so war er immer denselben Weg gegangen, und es war immer der falsche gewesen!

In Wien! Im Leben! In seiner Ehe!

Hatte sich im Kreise herumgedreht und war zum Ausgangspunkte zurückgekehrt — in der Sackgasse stecken geblieben — bei „seinen Leuten“.

Da fiel ihm das Kind ein.

Und wie ein Sonnenstrahl durchbrach es das dunkle Gewölk um ihn herum.

Mochte sein Leben verpfuscht, vernichtet sein — das Kind hielt ihn aufrecht. Die Liebe seines Kindes sollte die Nacht erhellen, die sich um ihn zusammenballte. — — —

Und jetzt, nach so langen Wochen, saß Schmerzchen auf seinen Knien und fragte, wie Kinder fragen, die lächelnd auf Wunden treten:

„Warum fahren wir nicht nach Wien?“